Fayence VII

Durch. Vorbei. Und ich bin froh drüber. Der letzte Flug hat nochmal gezeigt: auf ne WM gehöre ich nicht. Vorher versucht, zu entspannen, mir einzureden, dass es egal ist, weil es ja eh um nichts (mehr) geht. Gestartet mit guter Laune, die Landschaft im Schlepp nochmal aufgesogen, einigermaßen solide positioniert – und schon in der zweiten Figur die Lust verloren. Alles weiter nur noch so hingehudelt und im letzten Bogen noch ins Low gedonnert, sodass mir schon bei der Landung klar war, das wird scheiße. Und zwar so richtig. Vor lauter Wut den Flieger von Hand bis in den Seitenstreifen gezerrt und versucht, irgendwie nicht sofort wieder zum Tasmanischen Teufel zu transformieren. Erfolg dabei: mäßig.

Ich hatte noch am Tag zuvor versucht, meiner Wut auf mich selbst einen Namen zu geben, sie zu personifizieren, um eine Möglichkeit zu schaffen, mich von ihr zu distanzieren. Ein tatsächlich existierendes, auf den Namen Stevie hörendes(?) schielendes Alpaka mit komplett deformierter Visage, unfassbaren Unterbiss und der Angewohnheit, wirklich jedem Passanten hinterherzuspucken, musste dafür herhalten. Ich folgte der Idee meiner besseren Hälfte, die Wut Stevie zu nennen und so zu lernen, damit umzugehen. Ich wollte künftig bei jedem Wettbewerb einen kleinen Stahlstift neben dem Anhänger in die Erde klopfen und Stevie daran anpflocken. Die Idee hatte genau so lange Charme, bis ich den Wertungssheet des letzten Fluges gesehen habe. Ein Flug, bei dem wieder von anderen Sprüche kamen wie „sah gar nicht so schlecht aus!“ – obwohl ich bereits wusste, wie scheiße das gelaufen war. Ich war ja live dabei. Und gerade in senkrechten Linien abwärts sieht man doch ziemlich gut, wie falsch das eigene Positioning gerade ist. Und in Rollen merkt man, dass die Fahrt nicht passt, dass die Stops nicht hinhauen. Und wenn man dann aussteigt und nicht völlig unkritisch mit dem eigenen Tun ist, dann darf man auch mal festhalten, dass das insgesamt so ausgesehnen hat, wie wenn man das erste mal in einem Flugzeug jenseits der ASK 21 ausm Grundlehrgang sitzt und nen Zettel mit Advanced-Figuren vor sich hat.

Ich bin wirklich froh, dass es vorbei ist. Ich bin im Mittel genauso schlecht geflogen wie auf der LM in Hünsborn. Und mir ist klar geworden, dass es mit dieser Performance im internationalen Vergleich nur für die Rolle des Pausenclowns reicht. Schlechtester im deutschen Team, in der Gesamtwertung Rang 20 von 26 – und das auch nur, weil die beiden am schlechtesten platzierten Polen den letzten Flug ausgelassen haben. So macht das keinen Spaß. Und ehrlich: Gut gemeinte Sprüche wie „es ist deine erste WM…“ etc. sind komplett irrelevant und helfen keineswegs bei der Frustbewältigung. Weil ich sowieso nicht damit gerechnet habe, hier vorne mitzufliegen. Aber wenigstens ein Niveau zeigen, dass einigermaßen über dem eines Advanced-Einsteigers liegt, das hätte ich von mir selbst erwartet.

Im Rückblick auf Fayence relativieren sich auch die Erfolge bei der LM 2025 auf der Friesener Warte und bei der ÖM 2022 in Schärding-Suben ein ganzes Stück. Denn da war ich zwar auf Rang 2 bzw. 1, aber eben auch mit deutlich schwächerer Konkurrenz. Abgesehen vielleicht von Tobi Ohlig bei der LM 2025, die der absolut souverän gewonnen hat – und jetzt völlig zu Recht mit dem Titel des Advanced-Weltmeisters nach Hause fährt. Ich bin nicht in Fayence gewesen, weil ich gut fliege, sondern weil ich oft genug bei nationalen Wettbewerben dabei war, um mit mittelklassiger Performance genug Punkte in der Rangliste zu sammeln und andere, die hier sicher besser aufgehoben gewesen wären, absagen mussten. Rang 2 und 3 gehen auch ans Team Germany, die damit auch den Mannschaftstitel einfahren. Richard auf Rang 4 und Manuel auf Rang 8 komplettieren die Top Ten.

In der Unlimited ist Spitzi Vizeweltmeister, gemeinsam mit Steffen zudem Team-Vizelweltmeister. Außerdem gehen einige Einzelmedaillen an das von Franzi Kaiser souverän durch den Wettbewerb geführte deutsche Team. Ein schöner Erfolg. Nur halt nicht meiner.

Um überhaupt wettbewerbsfähig zu sein, wird es unglaublich viel Arbeit an allen Baustellen brauchen. Fliegerisch, weil ich etliche Figuren einfach nur inakzeptabel schlecht gezeigt habe, mental, weil ich mir sechsmal für 85 Euro nichts anderes gekauft habe als einen veritablen Wutanfall. Ich hatte bei keinem der sechs Wertungsflüge Spaß. Und wie mein Mentor Robin so schön sagt: Wer so viel Geld für einen Schlepp ausgibt, und dann da oben keinen Spaß hat, der sollte sich ein anderes Hobby suchen. Vielleicht sollte ich mit dem Suchen mal so langsam anfangen…

Ich hab mir vor der Abreise nach Fayence stolz zwei kleine Deutschland-Flaggen links und rechts auf den Haubenrahmen geklebt. Ich hab mich drauf gefreut, hier für unser Land zu fliegen. Nach Programm 5 hab ich sie abgerissen und weggeworfen, weil die Leistung in keinem Verhältnis zum Umfeld stand. Für anständiges Fliegen in einem Moment, wo es zuminest ein kleines bisschen drauf ankommt, reicht es einfach nicht.

Fayence VI

Geflogen und geflucht. Flug 5 zeigt, was passiert, wenn man das Programm so wenig kennt, dass man am Ende völlig ausrastet, weil man glaubt, in der vorletzten Figur falsch abgebogen zu sein und damit diese und die letzte genullt zu haben. Im Abwackeln fange ich an, wild rumzubrüllen, was bis zum Aussteigen nicht aufhört. Danach zerknülle ich den Zettel, ziehe den Flieger voller Wut zum Camp und tanze wieder der Tasmanische Teufel zwischen den Anhängern rum.

Als das alles wenigstens ein bisschen verraucht ist, fahre ich zum Start und helfe den anderen. Während Nicks Programm stelle ich mir die Frage, warum der in den letzten beiden Figuren den gleichen Scheiß fliegt wie ich. Oder ob ich vielleicht gar nicht falsch abgebogen bin. Und, Tatsache, die Figuren waren richtig rum. Die Punkte sind zwar einmal mehr ein Witz – auch dieses Programm bleibt deutlich unter 70 Prozent – war der ganz große Aufreger umsonst.

Abend Nationenabend. Richtigen Bock habe ich nicht, tauche dann aber doch irgendwann im Teamshirt zwischen den anderen auf und werfe mich mit Colabier auf eins der Sofas im Partyzelt. Spitzi versucht zu ergründen, warum es bei mir so läuft, wie es läuft, kommt aber zu keinem handfesten Ergebnis. Auch Robin versucht, mir klarzumachen, dass alleine die Tatsache, hier zu fliegen, ein Erfolg ist, der 99% aller anderen Segelflieger in Deutschland nie vergönnt sein wird. Ja, hat er einen Punkt, das ändert aber nichts daran, dass ich meine eigenen Ansprücke massiv gerissen habe. Es war nie Ziel, hier vorne mitzufliegen, aber irgendwo im Mittelfeld hab ich mich schon gesehen. Können andere, die ihre erste WM fliegen, ja auch.

So bleibt es bei Platz 22 von 26 Teilnehmern. Und bei meiner Meinung, dass man mit solch einer Performance auch nicht zwingend bei einer WM fliegen muss…

Ein Programm kommt noch, Donnerstag oder Freitag. Ich erwarte nicht mehr viel, nichtmal, dass es Spaß macht. Ich wills nur noch erledigt wissen und dann nach Hause. Der Berg an Arbeit, vor allem an psychologischer, ist riesig. Und ohne Hilfe wird der nicht zu schaffen sein…

Fayence V

Unknown 2. 18 von 26. Ein Lichtblick? Nicht wirklich. Denn wieder unter 70 Prozent. Und die Erkenntnis, dass sich meine Wahrnehmung ziemlich gut mit der der Jury deckt. Wenn ich aussteige und scheiße brülle, kann ich sicher sein, dass die Judges an der Linie nicken, wenn die Schallwellen dort ankommen. Die einzige Figur im Programm, die ich für gelungen hielt, war der Aufschwung. Mit Dampf unten rein, 6.5 g aufgelegt und rum. Als die Nase im Horizont einrastet hatte ich 150 am Stau. Doof nur, dass das ne Linking Figure war und demnach trotz AVG 8,64 kaum Punkte brachte. Toll.

Der Rest wie so oft Mittelmaß. Den Q-Loop nach oben immerhin nicht komplett in der Finsternis geflogen, aber halt auch keine saubere 45° Aufwärts danach gezeigt. Mit AVG 6,0 reißt man halt bei so einer mittelteuren Figur gar nichts.

Fazit Flug 4: fürn Salzmann im Mittelfeld vielleicht noch akzeptabel, für ne WM nicht annähernd.

Fayence IV

Ein Flug. Das wars auch schon. Weder besonders schön noch präzise. Mit 71,989 zwar endlich mal über dem selbst gesetzten Minimum von 70 Prozent, aber wenn der erste da 85,307 Prozent in die Box zimmert, biste halt trotzdem weit hinten. 20 von 26. Inakzeptabel bis peinlich.

Fayence III

65,9 %. Und das ohne HZ. Heißt, Flug zwei war ohne komplett versaute Figur gerade mal drei Prozentpunkte besser als der erste, ergo die einzelnen Figuren sogar deutlich schlechter als die in der Free Known.

Folge: Frust. Reichlich.

Protokoll des Scheiterns

Fayence II

Der Auftrag ans Unterbewusstsein war klar. Und das Unterbewusstsein hat auch mitgespielt. Exakt bis zum Ende von Figur 1. Ab da ist irgend ein Schaltkreis im Prozessor in den tilt gegangen, und was dann kam, war halt Scheiße. Statt 2/4 aus dem Rücken in den Normalflug und Aufschwung zum halben Kubaner kam da ein kräftiger Impuls negativ hoch zum Käseeck, den ich aber erst so richtig bemerkte, als es schon zu spät war. Irgendwie noch so rumgemogelt, dass am Ende wenigstens die Richtung wieder stimmte. Aber danach stimmte halt alles so gar nicht mehr.

Gefühl nach dem ersten WM-Flug: zum kotzen. Und wieder war sie da, diese unbändige Wut. Ich hab sie in dem Moment nicht rausgebrüllt, sondern runtergschluckt. Ich will ja niemand anderen mit runterziehen. Die gut gemeinten Kommentare der anderen, die wirklich immer kommen, wirken in solchen Momenten auch nicht beruhigend, sondern konträr. Es ist halt völlig irrelevant, ob Weltmeister oder sonstwelche Spitzenpiloten auch Küren verhauen, Figuren HZen oder sonstwie Mist bauen. Diese Sprüche sind genauso unsinnig wie der Verweis darauf, dass kommerzielles Fliegen statistisch total sicher ist. Wenn du der bist, der in der Möhre sitzt, die abschmiert, ist dir die Statistik herzlich egal. Ich hab das Programm versaut, das ich vorher hinreichend trainiert hatte. Das einzige, das dieses Jahr irgendwie halbwegs funktionierte. Und es hat ne mentale Wirkung, wenn man nicht mal das x-mal trainierte so abrufen kann, dass es wertbar wird. Wenn in der Kür eine Figur misslingt, weil man den Punkt für ne Steuereingabe verpasst hat oder so, geschenkt. Aber einfach stumpf die falsche Figur zu fliegen, das ist das, was man sich in diesem Umfeld nicht leisten darf. Nationalmannschaft. Und dann solche Anfängerfehler. Kannste dir nicht ausdenken. Die Nummer war insgesamt so peinlich, dass sich sogar meine als V/g-Logger missbrauchte GoPro geweigert hat, den Flug aufzuzeichnen…

Flugzeug weggepackt, aufs Fahrrad gesetzt, fluchend den Berg hoch gefahren. Eineinhalb Stunden auspowern. Weg von dem, was passiert ist.

Am nächsten Morgen die Bestätigung der unterirdischen Performance. Dritter. Von hinten. Mit lächerlichem Ergebnis. Allein das Positioning war mit 8,21 annähernd auf dem Niveau, wie man es auf solch einem Wettbewerb erwarten darf.

Alles was ich mir für mich selbst gewünscht hätte, wäre irgend ein erträglicher Einstieg in den Wettbewerb gewesen. Mittelfeld, halbwegs solide Performance. Mehr nicht. Aber dafür reichts halt nicht.

Wie´s weitergeht? Keine Ahnung. Am liebesten würde ich „fire-and-forget“ fliegen. Alles maximal aggressiv, schnell, hart, gnadenlos. Dafür habe ich aber das falsche Flugzeug, zumal man hier immer damit rechnen muss, in eine satte Thermikböe reinzuballern. Manchmal wärs schön, nen Swift zu haben, allein um das gute Gefühl zu genießen, dass ich körperlich aufgebe, bevor das Flugzeug Schaden nimmt…

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Fayence

Und plötzlich biste mittendrin. Was Anfang des Jahres noch ein bisschen surreal wirkte, ist nun real. Dabei. Auf einer Weltmeisterschaft, zwischen den besten Segelkunstfliegern diesseits der Sonne. Wo ein Wolfgang Schieck, ein Maciej Pospieszyński, ein Jonas Langenegger und etliche andere Spitzenleute um den Titel in der Unlimited fliegen, und man selbst antritt gegen Leute, die in der Aufsteigerklasse Advanced zeigen, was sie draufhaben – Richard Münzberger, Agata Porebska, Tobi Ohlig und wie sie alle heißen.

Einmal die Jacke mit der Nationalflagge tragen – das war das Ziel. Und dann stehste da und hast es erreicht. Was bleibt, ist die Frage, mit welchem Anspruch man an solch einen Wettbewerb herangehen darf, herangehen muss. Spaß haben wäre schon mal schlau – allein angesichts der 85 Euro, die die Locals hier für einen Schlepp aufrufen. Zitat meines Mentors Robin: „Wer so viel Geld ausgibt und dann da oben keinen Spaß hat, der sollte sich ein anderes Hobby suchen.“ Jo, is was dran.

Wahr ist aber auch: Man kann sich noch so sehr selbst zum Spaßhaben anhalten, wenns dann nicht optimal läuft, kicken alte Verhaltensmuster. Wut, Ärger, Selbsthass. Hab ich bei der LM in Hünsborn wieder in epischem Ausmaß erlebt. Zwei Flüge ok – nach Free Known und 1st Unknown auf Rang 3. Solide, dem Potenzial nicht völlig unangemessen. Dann fing die Scheiße an. Fehler, wo keine sein müssten, Banale figuren wie ein Weibchen zur HZ verstümmelt, Frust. Gelandet, Haube auf, den Ärger rausgebrüllt. Flugzeug weggepackt, in den Camper verkrümelt, die Sache mit mir selbst ausgemacht. Immerhin: Ich belästige andere nicht mehr mit meiner Laune, wenns Scheiße lief – was vielleicht der größte Sprung in meiner mentalen Wntwicklung in den letzten Jahren war.

Zurück ins hier und jetzt. Zwei Trainingsflüge. Einer bäh, einer ok. Der „Okee“ war immerhin der, in dem ich die Free Known noch einmal geflogen bin. Keine HZ. So weit, so ok. Der Flieger funktioniert, technisch sind also keine Showstopper zu erwarten.

Abends die Analyse beider Flüge mit Robin. Der erste, als Spaß- und Orientierungsflug gedacht, war viel unruhiger. Und warum? Weil laut Robin das Unterbewusstsein, das für das reine Figurenfliegen zuständig ist, vorab keinen klaren Auftrag hatte. Heißt, spontan geflogene Figuren gemäß dem Motto „’n Turn geht jetzt auch noch“ werden mit ziemlicher Sicherheit scheiße, weil das Hirn doppelt und dreifach arbeiten muss. Die Steuerbewegung für die Figur an sich kommt ohne Programm nämlich nicht aus dem Unterbewusstsein, der Prozessor muss sich vielmehr neben Fahrtübergängen und Positioning auch noch um die Figur an sich kümmern. Also: Klaren Auftrag ans Unterbewusstsein. Das kennt die einzelnen Figuren, weiß, wie sie zu fliegen sind. Großhirn sorgt für orientierung, Muskelgedächtnis führt aus. Basta.

Viel Philosophie für den ersten Abend.

Wir werden sehen, was passiert.

 

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