Von reaktivierten Oldtimern, glücklichen Fluggästen und einer Invasion aus Wittmund

Nach zwei Wochenenden Scheißwetter einschließlich Else einmal nach Lüchow und zurück fahren, ohne dort auch nur den Anhänger aufgemacht zu haben die ersten Beiden Augusttage für das erlittene Elend recht gut entschädigt.

Am Samstag ist zunächst Werkstattarbeit angesagt. Um 10 Uhr steht der Prüfer auf der Matte um den Bergfalken und die Rhönlerche abzunehmen. So werkeln und fummeln wir zwei Flieger auseinander und wieder zusammen, wiegen sie in Einzelteilen und am Stück, bestimmen die Schwerpunktlage. Zwischenzeitlich reinige ich den Piratanhänger, denn der soll den Roten Baron Ende August auf das 19. kleine Segelflug-Oltimertreffen nach Rothenburg-Görlitz bringen. Am Ende bekommen beide ihr ARC und von einem Tag auf den anderen steigt die Zahl unserer flugfähigen Doppelsitzer auf das dreifache. Die Vorhut der Fluggruppe des JG71 Richthofen aus Wittmund, die bereits am Vorabend angereist ist, packt kräftig mit zu, sodass um 14 Uhr allers erledigt ist und wir den Bocian und den Bergfalken raus aufs Flugfeld zerren können. Für 15 Uhr hat sich ein Fluggast angekündigt, der erste, der unsere Flugleiter-Handynummer genutzt hat. Lange genug habe ich argumentiert, dass wir am Start erreichbar sein müssen, damit Interessierte auch mal durchklingeln und fragen können, ob spontan ein Schnupperflug möglich ist.

Kaum draußen, arbeite ich meine Vorflugkontrollliste am Bocian ab, Bernd macht den Bergfalken startklar. Meine Schwester hilft mir bei der Ruderprobe, und als wir fertig sind steht auch der Fluggast parat. Der gesunde Respekt vor der Sache ist ihm deutlich anzumerken, und meine Einweisung in Fallschirm und Notabsprungverfahren scheint nicht gerade vertrauensfördernd. Aber die Neugier siegt schließlich, und kaum ist der Startcheck erledigt, das Seil straff und der erste Meter gerollt, kommt vom Rücksitz das bekannte Seufzer der Entspannung. Mit 480 Metern haben wir den nötigen Spielraum für Thermiksuche, und, Tatsache, im Gegenanflug der Südplatzrunde steigt es. Gemächlich kreisen wir uns hoch, und ich bin inzwischen in den Reisebegleiter-Modus verfallen, wenngleich sich die Erklärungen zunächst auf das Flugzeug und seine Instrumente beschränken. Für Bodenmarken fehlt mir noch der Nerv, erstmal heißt es, hoch kommen.

Bei 800 Meter ist Schluss, und wir nehmen Kurs auf Perleberg. Mein Gast fühlt sich pudelwohl, die Begeisterung steigt mit jeder Minute. Über Perleberg machen wir sightseeing, dann geht es noch einmal über den Henningshof und nach Sükow. Auch der Bergfalke ist inzwischen in der Luft und dreht seine Kreise. Nach gut 15 Minuten sind wir immernoch 600 Meter hoch, und da mein Gast noch ein bisschen was erleben will, drehen wir ein paar Steilkreise und spielen Achterbahn. Als ich den Bocian nach gut 20 Minuten wirklich butterweich auf die Graspiste setze kann ich mir sicher sein, jemanden glücklich gemacht zu haben.

Auch meine Schwester bekommt ihren Flug ab, und obwohl ich sie eigentlich als relativ belastbar einstufe, überrascht mich das unvermittelte Kichern von hinten doch. Beim Kampf auf der letzten Rille mit sonstwieviel Schräglage im Kreis scheint das Bauchkribbeln auf dem Rücksitz erheblich ausgeprägter zu sein als im stupiden Geradeausflug. Doch es reicht nicht, nach zehn Minuten sind wir wieder unten.

Während auch Frank sich noch einen Flug im Bergfalken gönnt, packe ich mein Geraffel zusammen und hänge mir die LS1 an, die wir am Abend zum Monnlightshopping in Wittenberge ausstellen wollen. Dazu ne fetzige Beleuchtung mit meinen alten Bühnenscheinwerfern, das sollte Eindruck machen und die Segelfliegerei auf dem Perleberger Platz auch wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rücken.

Vor Ort erweist sich das ganze allerdings zunächst als kompliziert, denn mit dem Neun-Meter-Hänger zwischen Fahrradständern, Bäumen, Laternen und einem Grill- und einem Bierstand so zu rangieren, dass man da einen Rumpf rausziehen und Flächen anstecken kann, braucht seine Zeit. Dennoch haben wir die Else zu fünft in kurzer Zeit aufgerüstet und mit Flatterband abgesperrt. Ein Schild vom Aeroclub und ne Infotafel, komplettieren den Auftritt, und nach wenigen Minuten zeigt der ungewöhnliche Anblick eines Flugzeugs in der Innenstadt Wirkung. Die Leute bleiben stehen, gucken ungläubig. „Fliegt das wirklich?“ fragen nicht nur Kinder, sondern auch genug Erwachsene. Bernd und ich beantworten Fragen im Akkord, verteilen Infoflyer. Mit einsetzender Dämmerung schalten wir die Lampen an, und die LS1 erstrahlt in orange, violett, blau und grün. Es sieht schick aus und verfehlt seine Wirkung nicht.

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Der Bergfalke darf wieder fliegen. Im Hintergrund rüsten die Wittmunder auf.
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Mit der India Lima zum Moonlightshopping.
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Ein Segelflieger in der Innenstadt sorgt für Aufmerksamkeit.

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Am Sonntag geht es zur Abwechslung mal wirklich nur ums Fliegen. Um zehn holen sich die Wittmunder von Bernd die wesentlichen Informationen rund um den Platzbetrieb ab und im Anschluss gehts direkt raus aufs Flugfeld. Endlich steht wieder mal ordentlich Geflügel am Start. Neben unserem Pirat, dem Bocian und der gerade aufgerüsteten LS1 warten Twin Astir, Ka 8, ASK 13 und ASW 15 auf Thermik. Für mich steht zunäckst Putzdienst an, denn die beiden Showeinsätze der Else haben ihre Spuren in Form eine dicken Staubschicht hinterlassen. Außerdem haben zahlreiche Kinderhände unzählige Fingerabdrücke auf die Haube getatscht, sodass ich einmal den kompletten Rundumschlag mache. Nach einer halben Stunde glänzt der Flieger wieder und ich schiebe das Gerät an den Start.

Der Versuch an der Winde geht völlig daneben. Zum einen sitze beschissen, weil sich die neuen Spekon-Gurte noch schlechter fest ziehen lassen als das alte Gurtzeug. Außerdem säuft und säuft es, zumindest bis zum Queranflug. Hier macht der Variozeiger einen Satz nach oben und scheint bei drei Meter festzuklemmen. Das Popometer allerdings bestätigt die Anzeige, und ich fluche wild in mich hinein. Mit 150 Metern Resthöhe kurve ich in den Endanflug ein und konzentriere mich auf die Landung. Bislang kam ich mit der Else immer ziemlich weit, und ein erfahrener LS1-Pilot vom LSC Erftland hat mir empfohlen, einfach mal konsequent mit Tempo 85 bis maximal 90 anzufliegen. Bisher hatte ich immer zehn bis 15 km/h Fahrtreserve aufgeschlagen. Kaum sind die Klappen voll raus geht es abwärts. Ich nehme den zweiten Reiter der Bahn als Aufsetzpunkt und verfehle ihn nach kurzem Schweben nur knapp. Einigermaßen zufrieden rolle ich aus und lasse mich einsammeln.

Zurück am Start sehe ich, dass die anderen mehr Glück hatten. Auch Felix im Piraten zieht ruhig seine Runden und schraubt sich hoch. Mit einem schnellen Start scheint es abeer nichts zu werden, denn das letzte Seil wird gerade in den Bocian eingeklinkt und es warten noch zwei andere Flieger auf ihren Start. Ein Blick zur Remo und mir vergeht die Lust mich anzustellen.

Der Motor des Schleppflugzeuges brüllt auf und die LS1 beschleunigt. Kurz nach dem Abheben zieht sie nach links und will sich aufbäumen. Ich steuere kräftig dagegen, und als die Remo abhebt, positioniere ich mich oberhalb des Propellerstrahls. So machen wir zügig Höhe, etwa in der Mitte des südlichen Gegenanflugs stehen bereits 800 Meter auf der Uhr. Ich klinke aus und drehe nach rechts weg, die Remo zischt geradeaus weiter und geht direkt in den Sinkflug. Dank der Höhe finde ich gut Anschluss an die Thermik, aber das Steigen ist zerrissen und unbeständig. Südöstlich des Platzes schaffe ich es bis auf 1200 Meter und fliege ab in Richtung Wittenberge. Auf halber Strecke kommt mir Arndt mit der Ka8 entgegen. Im Gleichen Bart ist es frustrierend, wie er mich mit dem Schleicher-Drachen auskurbelt. Aber was solls, irgendwie bekomme ich auch die Else hochgehievt und halte mich auf dem Weg nach Wittenberge zwischen 1000 und 1200 Meter.

Über Wittenberge kreisend gucke ich Fußball, denn im Thälmannstadion ist eine Partie im Gange. Wenngleich der Ball aus einem Kilometer Höhe wirklich sehr sehr klein aussieht, ist er als weißer Punkt auf dem dunkelgrünen Rasen noch ganz gut zu erkennen. Ich schieße ein paar Fotos und ärgere mich einmal mehr darüber, dass ich durch die Sitzposition den Knüppel nicht zwischen die Beine klemmen und das Flugzeug so zum Fotografieren stabilisieren kann. Im Gegensatz zum Bocian kann ich die Else nicht mit der linken Hand fliegen, dafür bin ich zu grobmotorisch. Eine ordentliche Kamerahalterung mit Fernauslöser wäre freilich auch eine Alternative.

In Richtung Südost sehe ich eine gewaltige Rauchsäule aufsteigen, offensichtlich ein Feldbrand. Im Kreisen bemerke ich dasselbe nur ein paar Kilometer Nordwestlich von Perleberg. Meinem Reportertrieb folgend beschließe ich, hinzufliegen und vielleicht ein Foto aus der Luft zu machen. Allerdings reicht die Höhe noch nicht, sodass ich zähneknirschend Kreise drehe, wohl wissend, dass das Feld nicht ewig fackelt. Gute 15 Minuten später bin ich endlich da, aber die Action ist durch. Ein TLF gurkt noch über das Dampfende Feld und berieselt offenbar Glutnester aus dem Dachwerfer. Am Rand kämpfen einige Kameraden mit brennenden Bäumen, die, wie ich später erfahre, schließlich gefällt werden müssen, da auch 1000 Liter Schaum und 4000 Liter Wasser die Glut keinen Erfolg brachten. Auch zwei Wittmunder haben als Katastrophentouristen das Schauspiel aus der Luft beobachtet, sind aber inzwischen wieder weg.

Nach einer Fotosession und einer guten Viertelstunde ausgiebiger Brandortgafferei fliege ich zurück und kreise noch ein bisschen über Perleberg. Beim Abfliegen der Höhee sehe ich, wie die Remo den Bocian in die Luft zerrt. Im Funk höre ich, dass Frank sich seine F-Schlepps holt. Ich melde mich über Funk zur Landung an und frage nach, ob noch jemand die Else fliegen will. Da der Flugleiter das verneint, melde ich Position zur langen Landung und parke die Else direkt am Abzweig zur Halle.Gucke da, es geht doch mit dem Landen auf den Punkt…

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Die Elbe voraus.
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Blick in Richtung nordwest.
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Fußballgucken aus 1000 Meter Höhe. Erkenntnis: Die Anzeigetafel im Stadion ist zu klein.
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Blick auf Wittenberge.

2 Kommentare zu „Von reaktivierten Oldtimern, glücklichen Fluggästen und einer Invasion aus Wittmund

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