Der Flugkapitän empfiehlt: Schnallen Sie sich an!

Wochenende, fliegen. Zumindest war das so angedacht. Der Samstag lässt sich diesbezüglich recht kurz abhandeln: War nix. Dicke Wolken, Einige Tropfen, da war nichts zu holen. Immerhin hat Frank Zeit gefunden, die Wunden der Else fachmännisch zu versorgen, und ich habe mit Felix gemeinsam den seit einiger Zeit stehenden Bergfalken gewaschen. Gucke da, nach einer Stunde und viel Wasser zeigten die Flächen wieder sowas wie weiße Farbe. Perspektivisch soll der lahme Vogel wieder fit gemacht werden, aber das dürfte viel Arbeit sein. Allein das abpopeln der alten Klebebänder, mit denen der halbe Flieger zusammengehalten zu sein scheint, war unfassbare Fummelarbeit.

Am Sonntag sieht das Wetter eine Spur besser aus, noch nicht der Knaller, aber immerhin. Wir beschließen, erstmal nur den Bocian mitzunehmen, auch wenn Frank seinen Phoebus in „Alarmstart“-Position stellt, um ihn bei guter Thermik noch nachzuholen. Zunächst prüft Eckart mit zwei Starts die Luft und ist schnell wieder unten. Ich schnappe mir Felix als Co-Piloten und nehme das nächste Seil. Gucke da, es geht was. Mit viel Feingewinde geht es sukzessive nach oben, bei 900 Meter aber ist Schluss. Wir gurken geschmeidig durch die Gegend, schauen uns Perleberg aus der Luft an und haben nach einer dreiviertelstunde die Schnauze voll. Am Boden helfe ich den anderen beim Starten, Eckart hält sich immerhin ne Stunde in der Luft, schafft es bis auf 1500 Meter. Gute Bedingungen für meinen ersten offiziellen Gästeflug. Den hatte ich schon vor Jahren meiner Schwester versprochen, und nun sollte es endlich soweit sein. An dieser Stelle überlasse ich ihr das Feld:

Am Sonntag war es soweit! Nach über 6 Jahren konnte ich das erste Mal mit meinem Bruder zusammen im Segelflieger sitzen und die Aussicht genießen. Endlich hat er es geschafft und darf nun auch Gastflüge durchführen. Und ich war der erste Special Guest! Ich habe ihm zeitnah klar gemacht, das ich, seine Lieblingsschwestaaa (und die Einzige Schwester die er hat) als erste aus der Familie mit ihm abheben will! Muss ihn schließlich auch am meisten ertragen!
Aber fangen wir mal von vorne an. Eigentlich wollten wir bereits am Samstag fliegen. Allerdings hat es sich gegen 6 Uhr dermaßen zugezogen und anschließend auch ein Minigewitter (Blitz, Donner, 1/2 Minute Regen) gegeben. Fakt ist, die Wiese ist nass. und so wie es da am Himmel aussieht, werden die den Hangar auch gar nicht erst ausräumen. Da war kein hübsches Wetter für DEN Flug in Sicht. Deswegen schrieb ich ihm um 6:53 Uhr: „Hmm. Heute eher doch nicht fliegen?“. Und siehe da, Schwestaaa hatte Recht. *auf die Schulter klopf* Somit wurde die Aktion auf Sonntag vertagt.
Nach einem fürchterlichen Frühdienst im Krankenhaus hatte ich mir den Flug  auch richtig verdient. Kurz nach 15 Uhr waren mein Freund David und ich auf dem Flugplatz in Perleberg angekommen. Fix mit Sonnencreme versorgt, meine normale Brille mit einer Billig-Ray-Ban und PVC-Klebeband zur Sonnenbrille umfunktioniert und den Fliegerhut auf die Omme. Dann war nach kurzer Zeit auch der Bocian im Anflug und es konnte endlich los gehen! Der Bruder hat sogar an eine Sitzerhöhung (drei olle Kissen) für die Schwestaaa gedacht, damit se auch was sieht! *Daumen hoch* Nun den Fallschirm angelegt und in den Flieger gekrochen… Manchmal ist es gar nicht so verkehrt klein zu sein!
Haube verschlossen, Kamera gezückt und dann war ich startklar. Wir haben nochmal besprochen wie das mit dem Fallschirm im Notfall funktioniert. Sollte man ja schon mal drüber geredet haben… Jetzt konnte es aber wirklich los gehen! Lars hat seine Checkliste runtergerattert: „Haube geschlossen und verriegelt, Trimmung neutral, Bremsklappen eingefahren und verriegelt, Ruder alle frei und gängig, Besatzung angeschnallt, Höhenmesser auf null, Start- und Schleppstrecke frei, Luftraum frei, auf Seilriss vorbereitet.“ Und los gings.
Über Funk wurde endlich die Winde über die Startbereitschaft informiert.
Seil straff. Los geht’s. Langsames anrollen. Den Acker unter dem Arsch spüren. Genial! Ich bin wiedermal total geflasht. Wusste gar nicht mehr, dass es so steil nach oben geht. Dauergrinsen vom Feinsten war angesagt. Nicht nur wegen dem Dauerkribbeln im Bauch. Bei etwa 400 Meter auf dem Höhenmesser klinkt das Seil aus. Das Kribbeln im Bauch nahm nochmal für einen Moment gewaltig zu. Dann hieß es Aussicht genießen!. Schon genial wie die Erde aus der Höhe aussieht. Thermik haben wir vergeblich gesucht. Keine Ahnung warum sie uns keinen Spaß gönnte. Mehrere Kreise gezogen, nichts gefunden. Scheiße!!! Aber egal, heute ist nicht alle Tage… Nach fünf Minuten meldeten wir den Landeanflug an und dann war der Spaß auch schon vorbei, für’s Erste. Mir ging vor der Landung die ganze Zeit im Kopf rum, ob beim Bocian das Fahrwerk dauerhaft draußen ist oder ob Lars es ausfahren muss. Hmm. Meinte mich aber dunkel daran zu erinnern, das es nicht einzufahren geht. Ok. Abwarten und hoffen das der Bruder im Zweifelsfall dran denkt. ^^ Sind butterweich auf der gemähten Landebahn aufgesessenen. Gut gemacht Bruder! Nach dem das Flugzeug wieder an den Start geschleppt wurde, war David dran. Unser zweiter Flug im Anschluss war nicht wirklich länger, aber Spaß gemacht hat es trotzdem. Vielen vielen Dank für den schönen Nachmittag, Lieblingsbrudaaa!!!

Nachklapp zum Zwischenflug mit Schwesters eventuell zukünftigem Mann: Nach dem Start rupft es ein bisschen unter der Tragfläche. Mit Nullschiebern suchen, erwische ich schließlich doch eine Thermikblase, die ich nach einigen Runden Feingewinde – das nicht immer klar nach oben ging – doch einigermaßen eingekreist bekomme. Und Tatsache, nach nichtmal zehn Minuten stehen 1100 Meter auf der Uhr. Nebenbei erkläre ich David, was ich da tue, was die Instrumente gerade anzeigen und was das zu bedeuten hat. Dann kommt der Moment, in dem ich mich wahrscheinlich von einer möglichen Hochzeit in ferner Zukunft ausgeladen habe. Aus reiner Freude – und ich betone nochmal, dass das NICHT böse gemeint war – ziehe ich aus dem letzten Kreis raus die Fahrt weg, lasse den Bocian über die rechte Fläche kippen, stürze an und fange sanft ab. Kleiner Berg, Airtime genießen und Normalfluglage. Das Schweigen vom hinteren Sitz kündet davon, dass es dem, der sonst ein 125PS-Motorrad über die Landstraße prügelt, vielleicht doch nicht ganz so gefallen hat wie mir. Ein entsprechender Kommentar kommt von hinten und ich versuche den Rest des Fluges, mit ernstgemeinten Entschuldigungen die Wogen zu glätten.
Ich weiß wie es einem geht, der keinen Plan hat, was passiert, denn ich hatte das selbst während meiner Ausbildung erlebt, nachdem ich ’ne Frage im Flugspiel zum Fahrtgeräusch beim Trudeln nicht so ganz korrekt beantwortet hatte… Den Rest des Fluges mache ich ein bisschen Sightseeing über Perleberg. Da meine Schwester noch ihren zweiten Flug bekommen sollte, hieß es nun, runter zu kommen. Eigentlich einfach: Nase runter, 130 anlegen und er sinkt. Tut er aber nicht. Klappen raus und es steigt immer noch. Querruder rechts, Gegenseitenruder, eben Höhe abslippen. Denkste. Ich hänge quer wie eine Schrankwand in der Luft, habe die Klappen draußen und der Flieger, der sonst gleitet wie ein Klavier, hält seine Höhe. Mit ein paar Kurven finde ich schließlich Saufen und gleite die Höhe ab. Im Queranflug, wo wir zuvor an die vier Meter Saufen hatten, steigt es jetzt mit demselben Wert, sodass ich gezwungen bin, den Flieger im Slip gnadenlos an den Boden zu prügeln, um nicht sonstwieweit zu kommen.
Liebe Jule, danke für dein Vertrauen, bei mir einzusteigen. Lieber David, beim nächsten Mal bekommst du ne Vorwarnung, wenn ich irgendwas verrücktes mache 🙂

Die Schwestaaa
Die Schwestaaa
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Startbereit.
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Startbereit II.
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Steigflug.
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Fluggastperspektive I.
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Übersicht.
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Perleberg.
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Fluggastperspektive II.
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Das Gewerbegebiet Schwarzer Weg.
Das Dreamteam: Pilot (r.) Ballastgewicht (m.) Und Stewardess (l.)
Das Dreamteam: Pilot (r.) Ballastgewicht (m.) und Stewardess (l.)

4 Kommentare zu „Der Flugkapitän empfiehlt: Schnallen Sie sich an!

  1. Du scheinst beim Wettbewerb nicht all zu viel gelernt zu haben. Den Höhenmesser stellt man IMMER auf die aktuelle Platzhöhe und nicht auf 0m (QFE). Einzige Ausnahme ist der Kunstflug.

    1. Engelbert, ich habe gelernt, dass ich den Höhenmesser auf Platzhöhe einstelle, wenn ich über Land gehe. Wenn ich aber am Startflugplatz bleibe gibt es für mich nicht einen plausiblen Grund dafür, ihn am Boden nicht auf null zu stellen. Zumal ich sogar bei Streckenflügen in der Umgebung so verfahren würde, da es hier keine wesentlichen Erhebungen gibt. Wenn du mir deine Ansicht argumentativ begründen kannst, dann würde mich das vielleicht weiter bringen, aber die lehrerhafte Art mit dem erhobenen Zeigefinger finde ich unangebracht.

  2. 1. Lufträume
    2. Evtl. doch mal über die Platzrunde hinaus gehen, obwohl es gar nicht geplant ist
    3. Gewöhnungssache

    Das sind 3 Gründe die mir auf die schnelle einfallen. Ich kann einfach nicht verstehen weshalb es Vereine gibt, die es so den Schülern beibringegn.

  3. Sind die Gründe nun für Dich plausibel? Ich will nicht lehrhaft wirken jedoch scheint es für mich sehr sinnvoll und schützt evtl. auch vor weiter gefährlichen/kritischen Aktionen. Für mich gibt es keinen einzigen Grund den Höhenmesser auf 0m zu stellen (bis auf Kunstflug). An Deiner Stelle solltest Du lieber versuchen die Fluglehrer in Deinem Verein davon zu überzeugen nicht mehr nach QFE zu schulen!

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