Zwei Flüge und ’ne Kissenschlacht

Ich behaupte mal, dass sich der Wetterbericht selten so vertan hat wie am vergangenen Wochenende. Für Samstag hieß es, dass bis zum Nachmittag Wolken und ein bisschen Sonne anstehen – per se kein schlechtes Flugwetter – und später schauereartige Niederschläge und stellenweise Gewitter dominieren. Nunja. Am Sonntag sollte es pissen und kalt sein und allgemein für den Segelflieger Depressionen bringen. Kurzum: Alles Käse.

Samstag früh, Blick aus dem Fenster, und die Wolkendecke empfiehlt, sich auch wieder unter die Bettdecke zu verkrichen. Dennoch düse ich zum Platz, denn auch so ist genug zu tun. Das Flarm will wieder an seinen Platz im LS1-Instrumentenbrett und außerdem muss ich noch immer nach einer gängigen Sitzposition suchen. Schließlich habe ich die Kopfstütze der Tauchaer Else im Gepäck und will gucken ob die passt. Der Rest vom Schützenfest ist auch dabei, und gemeinsam mit Felix fange ich an zu basteln. Das Ausräumen vertagen wir mit Blick in den Himmel erstmal.

Bei den ersten Sitzproben zweifle ich einmal mehr, ob es so clever ist, die LS1 mit auf die Mönchsheide zu nehmen. Aber ne andere Wahl habe ich eigentlich nicht, denn wenn ich da mit dem Piraten anrücke – das Leistungsminus wäre mir völlig Wurst – habe ich nach dem dritten Aufrüsten keine Freunde mehr. Mit Kissen, Decken, Hartschaum und allem möglichen anderen Krempel versuche ich, mich bequem ins Cockpit zu pressen. Aber nix ist. Allerdings passt die Kopfstütze tatsächlich, und so fällt der Entschluss, zunächst im Baumarkt Hartschaum zu besorgen und einen passenden Rohling zu schneiden. Für 10 Euro bekomme ich eine 100mm-Platte, die für bestimmt 10 Kopfstützen reicht. In seiner Werkstatt in Wittenberge schiebt Frank die Platte über den Schneidetisch mit Heizdraht, und mit einer Hilfskonstruktion die er um einem Nagel dreht, gelingt die Rundung ziemlich sauber. Für Taucha schneiden wir gleich noch einen Rohling mit, denn das alte Original sieht ziemlich zerfleddert aus.

Zurück in Perleberg hat sich das Wetter gebessert und wir beschließen, einen Versuch zu starten. Ich will jede Chance nutzen, die Else zu fliegen, denn so richtig warm sind wir noch nicht miteinander. Das Vorwochenende in Taucha hat mir gezeigt, dass ich mir mit der Mistral und dem Bocian sowieso viel mehr zutraue als mit der LS1, die – so sagten mir manche Kommentatoren auf Facebook – seinerzeit als Hochleistungsflieger konzipiert eben viel weniger Fehler verzeiht als ein gutmütiger Schulsegler.

Am Start angekommen checke ich den Flieger durch und spüre einmal mehr die Last der Verantwortung, die daraus erwächst. Da nur ich den Plastebomber fliegen will, bringe ich auch nur mich in Gefahr, sollte ich irgendetwas übersehen. Aber auch an meinem eigenen Leben liegt mir eine Menge, deshalb prüfe ich unbewusst alles doppelt. Wäre ja auch dämlich, sechs Jahre für ’ne Lizenz zu ackern und dann wegen eines nicht angeschlossenen Höhenruders oder so auf die 1,8-Meter-Sohle einzufahren… Während der Bocian in die Luft geht, pflücke ich die Spornkuller der Else ab und versuche, es mir bequem zu machen. Geht nicht. Mist. Konrad gibt mir die Haube, ich leier meinen Startcheck runter und bin gespannt, wie es läuft. Dem Windenfahrer habe ich zuvor durchgegeben, er möge untenraus weicher anschleppen und erst dann schneller werden, wenn ich in den Steigflug gehe. Das klappt diese Mal super, der Start ist butterweich ohne erkennbare Aufbäumneigung. Kaum rutscht das Seil aus der Kupplung, klinke ich nach und trimme aus. Die Wolken sind dicht, und Sekunden später prasseln kleine Tropfen auf die Scheibe. Die Else im Regen, schöne Scheiße. Aufgrund des sehr Lesenswerten Flugberichts von Christoph Barniske weiß ich, dass Regen und Mücken der Tod der Profilpolare sind und die Leistung merklich nachlässt. Also fliege ich grundsätzlich zehn km/h schneller, um genügend Reserven zu haben. Nach einer Platzrunde ist der Spaß auch schon vorbei und ich melde Position zu Landung. Fahrwerk raus und einkurven auf den Famila-Markt, vierte Kurve und Klappen raus. Der Sinkflug ist präzise, und mit genügend Fahrtreserve komme ich zum Abfangen. Die Klappen lasse ich dieses mal halb draußen und setze das Gerät weich in die Wiese. Siehe da, es klappt doch!

Gut 15 Minuten später stehe ich wieder am Start. Horst und Dieter sitzen im Bocian und machen sich startklar, während ich mein Flugzeug trocken rubble. Mit nassan Flächen fliege ich das Ding garantiert nicht! Kurz darauf kommt per Funk die Info, dass der Bocian einen Heimflug macht. Keine Thermik und Nieselregen, das hat keinen Sinn. Auch ich werde also lang landen und mir immerhin zwei Starts ins Flugbuch schreiben können. Besser als nichts.

Mein zweiter Start verläuft noch besser als der Erste. Kompliment an Felix auf der Winde, der die Else perfekt in die Luft zieht. So macht das Spaß! Ich sitze freilich noch immer beschissen, aber immerhin kriege ich langsam Gefühl für den Flieger, und dank der Kopfstütze baumelt meine Rübe zumindest nichtmehr im Laderaum. Zwischenzeitlich ergattere ich sogar mal einen halben Meter steigen, das E-Vario allerdings schalte ich nach nichtmal einer Minute wieder aus. Die tiefen Töne, die die Quäke von sich gibt, demotivieren mich. Mit einem Nullschieber gondle ich über dem Platz rum und gehe schließlich aus der Südplatzrunde zur Landung. Diese Mal fliege ich etwas höher an, da auch ich kurz hinter der Landebahnhälfte zum Stehen kommen will. Ich bekomme die Else erstaunlich präzise abgefangen und setze sauber auf. Zunächst suche ich den Bremshebel am Knüppel, erst nach heftigem Rumpeln über die Bodenwellen wird mir bewusst, dass die Bremse ja mit den Klappen gekoppelt ist. Kräftiger Zug am Blauen Griff, schon stehen wir. Der rote Golf nimmt mich an den Haken und wir schleppen den Flieger vor die Halle.

Kaum ist das Geflügel eingestallt, schifft es los. Mit Blick auf das Pisswetter fluchen Felix und ich beim Auseinandernehmen des Instrumentenbretts um die Wette. Wer diesen Scheiß konstruiert hat, dem war es völlig egal, wie es um die Wartung oder Reparatur bestellt sein könnte… Um die zweite GPS-Antenne für das Flarm auf der Ablage zu befestigen brauchen wir Klettband. Natürlich ist keins da, worauf ich wieder zum Baumarkt fahre, dann aber feststellen muss, dass der seit zehn Minuten zu hat. Im Supermarkt kaufe ich Tesa Powerstrips und muss sagen, dass die sich für derartige Filigranbefestigungen vortrefflich eignen – doppelseitiges Klebeband wollte ich nicht verwenden, weil das garantiert irreversible Spuren auf der Cockpitabdeckung hinterlassen würde.. Nach einer guten Stunde sitzt das Flarm fest an seinem Platz und die Abdeckung ist auch wieder zusammengepuzzelt. Eine weitere Stunde lang versuche ich in einer wahren Kissenschlacht doch noch eine bequeme Sitzposition zu finden. Mir ist klar, dass ich tiefer in die Mulde rein und die Rückenlehne aufpolstern muss, damit der Schirm nicht mehr auf der dämlichen Kante aufliegt. Ganz zum Schluss schafft es Felix, mir ein räudiges Sofakissen in den Rücken zu stecken und mit zusammengerollter Decke eine Kopfstütze zu improvisieren. Das fühlt sich gut an! Auch als die Haube drauf kommt, habe ich tatsächlich noch zwei Zentimeter Platz nach oben, mache mir aber wenig Illusionen, dass ich bei extrem Ruppiger Thermik garantiert ne Beule davon trage. Immerhin habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass es mit dem Sitzen doch noch was wird. Ich sitze so bestimmt ein halbe Stunde trocken im Flieger und sinniere vor mich hin, überlege, was auf der Mönchsheide so alles passieren kann, ob ich zwischendrin die Lust verliere, weil ich scheiße sitze oder was auch immer. Zum Schluss sammle ich mein Werkzeug ein und ziehe der Else ihren Schlafanzug an. Blaue Ärmel über die Flächen und das Höhenleitwerk und ein weißer Bezug über Nase, Haube und Rücken. Eigentlich ist sie ja doch ganz süß, aber eben unbequem. Typische Frau halt…

Zum Sonntag nur zwei Sätze: Eigentlich sollte es dauerregnen, was aber nur bis Mittag der Fall war. Danach dicke Wolken am Himmel und viele blau Löche, die durchaus Flugbetrieb zugelassen hätten… :-/

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