Kullerbier, das

-> Allgemein anerkannte Währung auf Segelflugplätzen, um denjenigen zu bezahlen, der einem nach erfolgtem Startcheck freundlich und/oder hämisch grinsend darauf hinweist, dass man da noch ein unschönes Anhängsel am Schwänzchen des Fliegers hat, mit dem man doch ganz sicher nicht starten möchte, und es dann zumeist entfernt, damit sich der Pilot nicht nochmal aus den Gurten schälen muss.

Rückblick: Sonntag vor einer Woche. Fliegen in Perleberg. Überlandflugeinweisung. Kurz und knackig, zügig abgehakt. Einen Tag später netter Flug im Bocian, gemeinsam mit Eckard, daher wieder mal nur aus der zweiten Reihe. Egal. Fluggeilheit am Anschlag, da mit der erfolgten Streckenflugeinweisung nun nur noch zwei Übungen zwischen mir und der Prüfung zum Segelflugzeugführer stehen: Die Überprüfung der Überlandflugreife (drei Ziellandungen mit dem Einsitzer) und der 50km-Alleinflug. Dann die finstere Erkenntnis, dass bei allen Perleberger Flugzeugen zum 27. Mai die Jahresnachprüfung ausläuft, die Teile also nicht in die Luft gehen dürfen, bevor nicht ein vermeintlicher oder tatsächlicher Experte ihre Lufttüchtigkeit beglaubigt. Toll. Nächster Prüftermin: Mitte Juni.

Also: Fliegen in Taucha. Problem nur, dass mein Stammverein beide Piraten, die normalerweise für den Ostdeutschen Segelflugschüler Mittel der Wahl zum Alleinflug sind, jüngst verkauft hat, da zum einen größere Instandhaltungsmaßnahmen notwendig geworden wären, die Holzflieger zum zweiten aber auch sehr viel Zeit in der Winterwartung brauchen, da deutlich mehr geprüft werden muss als bei Kunststoffflugzeugen. Als Ersatz wurden zwei Mistral C beschafft – irgendwo in diesem Blog hatte ich davon schonmal berichtet…

Nachdem ich am Morgen 250km von Wittenberge nach Taucha gegondelt war hatte ich gleich prophylaktisch den Wisch zur Umschulung ausgefüllt und mich mit allen möglichen Gewichten, Geschwindigkeiten und Flugzuständen auseinandergesetzt. Normalgeschwindigkeit bei 80, Vmax 250, Tempo im Windenschlepp 110. Das Ausleiten des Trudelns verlangt laut Flughandbuch beherzten Einsatz, denn das Seitenruder bleibt im stationären Trudeln auf Anschlag stehen. Also aktiv rausholen, Gegenseitenruder, Höhenruder nachlassen und abfangen. Beim Bocian reichte es immer, alles loszulassen, der fing sich schon wieder…

Dann der erste Dämpfer des Tages: Dokumente des Fliegers unvollständig. Tessi fluchte ob der unordentlich geführten Lebenslaufakte des Fliegers und mir kam die unschöne Aufgabe zu, den Mist zu vervollständigen. Nunja, wenigstens fand sich alles doch noch an.

Nun raus auf den Platz. Mit Bernd, Bernd und Ulf waren tatsächlich drei Fluglehrer da, sodass ich letzteren beknien konnte, mit mir die Umschulung zu machen. Nachdem er den Theorie-Wisch überflogen hatte kamen noch Fragen zu meinen letzten Starts und Landungen. Zugegeben: Die waren Anfang des Monats. Vier Flüge im Bocian, drei davon allein. Einsitzer war ich seit mehr als zehn Monaten nicht geflogen. Dennoch fühlte ich mich der Aufgabe vollauf gewachsen, mit inzwischen 300 Starts im Flugbuch wollte ich endlich weiter kommen. Irgendwie hatte der „Chef“ dann ein einsehen und gab mir den Befehl, die Schüssel an den Start zu schieben und mich fertig zu machen.

Die Mistral ist tatsächlich ein Flieger aus der Kategorie „reinsetzen und wohlfühlen“. Genug Platz, einigermaßen vernünftige  Sicht und sogar eine gewisse Bequemlichkeit, wenn man den Fallschirm hoch genug schiebt. Nach den letzten Ermahnungen, angesichts des Seitenwindes und der Leewirkung des Schwarzen Berges mit reichlich Überfahrt anzufliegen kam die Frage, ob ich bereit sei. „Ja bin ich“, gab ich zurück, und das Grinsen der umstehenden ließen an meinem Denkfehler keinerlei Zweifel. Plasteflieger… Mist, da war ja was. Spornkuller vergessen!! Kiste Bier fällig… Toller Einstand. Bullshit. Nunja, nachdem Florian freundlicher Weise das Ding abgenommen und immernoch grinsend an mir vorbeigetragen hatte sollte es endlich losgehen.

Startcheck. Das Seil klickt in die Kupplung. Ich signalisiere mit der erhobenen Hand Startbereitschaft, und sofort nach dem Flugleiter Manfred ebenfalls mit erhobener Hand Quittiert nehme ich den Ausklinkgriff in die Hand, für den Fall, dass etwas schiefgehen sollte und ich den Start abbrechen muss. Sicher ist sicher. Das Seil strafft sich und der Flieger nimmt Fahrt auf. Schnell geht die Fahrtmessernadel über 100 und ich bin frei. Ohne großes Ziehen geht der Mistral in sauberem Bogen in den Steigflug über. Und wie leise die Kiste ist! Ein echter Genuss. Obenraus wird es ziemlich schnell, aber immerhin stehen am Ende 400 Meter auf dem Höhenmesser. Das Seil kracht aus der Kupplung, ich klinke nach und bin zunächst einigermaßen überfordert damit, Geräuschkulisse, Horizontbild und Fahrtmesseranzeige einigermaßen zusammen zu bringen. Herrje ist die Gurke empfindlich was die Ruder angeht. Scheint doch eher feminin zu sein, also DIE Mistral. Nach einer wackligen ersten Kurve habe ich das Gerät einigermaßen im Griff, fliege aber nach wie vor viel zu schnell. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, mir die Stöpsel aus den Ohren zu fummeln, um überhaupt mal sowas wie ein Fahrtgeräusch mitzukriegen, verwerfe den Plan aber, da ich ja nicht weiß, welchen Lärm der Vogel im Landeanflug macht. Nach ein paar Kreisen melde ich Gegenanflug und versuche mich auf die Landung zu konzentrieren. Dritte Kurve, vierte Kurve, Blick aufs Landezeichen. Höhe 100 Meter, Klappenhebel fest in der Hand. Anflugtempo 130 – lieber zu viel als zu wenig oder „Fahrt ist Leben“, wie Fluglehrer Uwe immer zu sagen pflegte… Langsam taste ich mich an die Wirkung der Bremsklappen heran, fahre sie vorsichtig aus und wieder ein. 50 Meter Höhe. Noch gute 300 Meter zum Platz. Plötzlich sacken Fahrtmesseranzeige und Flugzeug gleichermaßen nach unten. Der Lee hinterm Berg! Aber das Tempo reicht, ich nehme die Klappen etwas herein und fange reichlich hinter dem Lande-T ab. Der Boden kommt näher, es rumpelt. Ich bin unten. Und verliebt. In ein Flugzeug. In die Mistral. Wenngleich wir uns sicher noch ein wenig aneinander gewöhnen müssen bin ich mir sicher, dass sich daraus eine wunderbare Beziehung entwickeln kann. Ich grinse in mich hinein, weil mir klar ist, dass der „Nochmal-Faktor“ hier ganz groß ist.

Mein Fluglehrer hat wenig zu meckern, und ich kann gleich noch einmal ins Cockpit klettern. So werden es an diesem Tag insgesamt sieben Flüge auf der Mistral, zwei davon ob der miesen Schleppsauf 200 bzw. 250 Meter nur Platzrunden ohne einen einzigen Kreis. Flug zwei hingegen ist mit elf Minuten schon richtig schön, wenngleich es noch etwas ungewohnt war, auf das Gejammer des E-Variometers zu hören. Kreisen, Schnellflug – bei 160 ist sie immernoch leise – hochziehen, Airtime genießen, landen. Letzteres verlangte doch einige Umstellung im Vergleich zum Piraten, den ich nach etlichen Flügen einigermaßen präzise ins Gras setzen konnte. Die Diva von Mistral hingegen flog immer irgendwie zu weit…

Alles in allem klappte es dennoch ganz gut, auch wenn sich mein Fluglehrer mehrfach über unsaubere Platzrundeneinteilung und angeblich zu tiefe Anflüge aufregte – aus der Cockpitperspektive sahen die alle einigermaßen vernünftig aus.

Ach ja, das Kullerbier hab ich dann am Abend auch noch gekauft, bevor der Tag am Grill seinen Ausklang fand.

 

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Meinereiner das erste Mal in einem Einsitzer aus Plaste…

 

Das Kullerbier...
Das Kullerbier…

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