41 Minuten in der Abendsonne…

Die Außenlandung vom Vortag halbwegs verdaut, ging es heute gleich wieder auf den Flugplatz. Bevor ich aber überhaupt ans Fliegen denken durfte, hieß es, den Piraten wieder zusammen zu stecken. Das gehört sich so. Wer außenlandet, kümmert sich drum, dass das Flugzeug wieder aufgerüstet wird. Allein natürlich schwierig, aber zumindest sollte man dabei sein. Dankenswerter Weise waren mehr als genug Kameraden zur Stelle, um das Ding wieder in flugfähigen Zustand zu versetzen. Kaum 20 Minuten später sahen die Einzelteile wieder verdächtig nach Flugzeug aus, und ich machte mich daran, alle Spalten akribisch mit Dichtband abzukleben, um die, nunja, allenfalls mittelmäßige Aerodynamik des Fliegers wenigstens einigermaßen zu erhalten.
Angesichts der Arbeit, die ich meinen Kameraden bereitet hatte, meldete ich mich beim Briefing erstmal freiwillig als Windenfahrer, denn mit der vorhergesagten Blauthermik nochmal auf gut Glück einen Anlauf zu starten erschien mir doch etwas gewagt, zumal auch andere Leute Pirat fliegen wollten. Also die üblichen Vorbereitungen getroffen, Sprit nachgefüllt, Technik kontrolliert, zubehör gecheckt. Raus auf den Platz, Absperrungen hinter die Winde und Keile unter die Räder, Feldtelefon und Funk aufgebaut und es konnte losgehen. Wie üblich ließen sich die anderen etwas mehr Zeit als nötig, und der gesamte Flugbetrieb kam nur schleppend in Gang. Ulf wollte zuerst ein paar Starts auf der Mistral, unserem neuen Schulungseinsitzer, machen, um sich selbst das zu erarbeiten, was er Neulingen wie mir vor der Umschulung auf das Gerät erklären können muss. So hatte ich in der ersten Stunde höchstens fünf Schlepps gemacht, bevor dann der Schulungsbetrieb einigermaßen in Gang kam. Wobei das irgendwie auch als Windenfahrer nicht mein Tag war, entweder zu schnell oder zu langsam. Die LS1 habe ich zweimal in der Luft verhungern lassen und der Pilot war zu recht sauer auf mich, erst beim dritten Start ging es einigermaßen, und er blieb auch um die zwei Stunden oben. Dafür habe ich am Abend seinen Döner bezahlt…
Nach gut fünf Stunden konnte ich mir endlich eine Ablösung auf der Winde erbetteln, da die Sonne inzwischen von zehn Uhr kam und die Abdeckung des Windenfahrerstandes kaum noch Schutz vor klärchen bot. Ich war wirklich komplett durch. Generell bewegten sich alle irgendwie im Waran-Gang, sofern sie nicht für ein paar Sekunden an einer Tragfläche mitlaufen mussten… Nachdem Uli seine 30 Minuten alleinflug absolviert hatte – dank Thermik mit einem Plus von einer zusätzlichen Stunden – konnte auch ich noch drei Starts im Piraten abstauben, die letzten des Tages. Beim ersten ging es immerhin 19 Minuten, und das in der abendlichen Thermik. Eigentlich war ich damit mehr als zufrieden und hatte den Flugtag abgehakt, aber Fluglehrer Bernd Krause ließ mich noch zweimal einsteigen. Der zweite flug war mit vier Minuten ein kompletter Reinfall – abgesehen davon, dass ich aus Lust und Laune aus einer Kurve heraus den Knüppel mal voll nach vorne nahm, den Piraten auf den Kopf stellte, bis Tempo 170 losballerte, wieder hochzog dass mir beinahe Schwarz vor Augen wurde und dann im Parabelflug die Airtime genoss – und auch für den Dritten war nichts mehr zu erwarten. Aber da hatte ich die Rechnung ohne das Wetter und meine Ehrgeiz gemacht. Der Schlepp war einigermaßen, oben raus noch mal ordentlich nachgezogen und so kam ich auf 400m Ausklinkhöhe. Direkt über der Winde stand kein Bart mehr, aber rechts querab, also am Südostrand des Platzes, zuckte das Vario immer wieder ganz leicht nach oben. Also sachte eingekreist und – immer das Vario im Blick – den Kreis korrigiert, bis ich das Steigen einigermaßen rund hatte. Und siehe da, es ging aufwärts. Mit wechselnden Schräglagen und mal enger, mal weiter, kreiste ich mich bis auf 580 Meter hoch. Wahnsinn, und das kurz vor sieben Uhr Ortszeit. Selbst im Geradeausflug eher leichtes Steigen als Sinken, in Richtung Taucha nahm ich immer wieder kleiner Aufwinde mit. Dazu schien die Abendsonne und es war herrlich warm, irgendwie paradiesische Verhältnisse. Auch der Bocian war inzwischen zu seinem letzten Flug gestartet und kreise auf meiner Höhe mit, aber nördlich des Flugplatzes. Jetzt galt es: Die oder ich. Und ich wollte nicht als erster zur Landung kommen. Nach gut 25 Minuten war ich wieder bis auf 300 Meter runter und flog auch in den Norden, wo der Bocian immer noch Steigen – oder zumindest kaum Sinken hatte. Siehe da, wieder einige Thermikblasen, und ich biss mich an jedem Nullsinken fest, was ich irgendwie bekommen konnte. Winzige Aufwindfelder, zum Teil auf der Flächenspitze ausgekurbelt, brachten mich wieder auf 400 Meter, und da blieb ich eine ganze Weile. Weiter Richtung Westen, über den Kiesgruben, stieg es noch weiter, und bald stand der große Zeiger am Höhenmesser wieder auf der 5. „Delta 85, Taucha Info?!“ knirschte es im Funk. Doch die 85 antwortete nicht, auch ein zweiter Anruf der Flugleitung blieb erfolglos. Nach kurzer Suche hatte ich den Bocian im Gegenanflug gesehen und meldete dessen Position an die Flugleitung. Kurz darauf gab auch die 85 ihre Standortmeldung ab und melde sich zur Landung an. Mir, gute 150 Meter höhe, stieg unweigerlich ein Grinsen ins Gesicht, da ich mein persönliches Duell, von dem der „Gegner“ allerdings gar nichts wissen konnte, gewonnen hatte. Mit meiner Resthöhe flog ich noch einmal gen Osten, drehte ein paar Kreise und beobachtete, wie der Bocian seine Landung machte. Nun schien es allerdings auch mit meiner Thermik zu Ende, ich kurfte noch ein bisschen hin und her, meldete bei knapp 200 Metern meinen Gegenanflug und setzte den Piraten soft kurz hinter dem Landezeichen ins Gras. Hammerflug bei nicht ganz einfachen Bedingungen. 41 Minuten standen schließlich auf der Startliste. Damit konnte man zufrieden sein.
Beim einräumen meines Fliegers wurde ich irgendwie ein kleines bisschen wehmütig. Ende August sollen die beiden Piraten des FCLT in den Ruhestand gehen. Und das, nachdem ich mit der D-1894 in zwei Tagen so viel zusammen erlebt habe… Erster Streckenflug, Außenlandung, Kampf um jeden Meter in schwacher Abendthermik… Wer weiß, vielleicht investiere ich das Geld ja doch, wenn mir mein Verein nen fairen Preis macht… ALSO HERR TESSMANN, WENN SIE DAS LESEN, GEHEN SIE IN SICH UND ÜBERLEGEN SIE GENAU, WIEVIEL NACHLASS IHNEN GUTE HÄNDE FÜR DEN PIRATEN WERT SIND!!!
😉

Im Anschluss an die Auswertung konnte ich Uwe auch noch die Fotos abluchsen, die er von meiner Außenlandung gemacht hatte. Danke dafür!

Gute fünf Stunden im Schatten der Tragfläche... Das Los des Segelfliegers, der eine Außenlandung macht.
Gute fünf Stunden im Schatten der Tragfläche… Das Los des Segelfliegers, der eine Außenlandung macht.

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