IRRE!!!

Es wäre gelogen, zu behaupten, mein Puls hätte wesentlich unter 120 gelegen, als ich mich nach Anlegen des Fallschirms auf den vorderen Platz des Janus 2 fallen ließ und mir Rolf die Gurte festzog. Seinen großzügigen Hinweis bezüglich des Lösens der Gurte im Fall der Fälle versuchte ich ironisch aufzufassen und dachte mir meinen Teil. Dann verzögerte sich das alles auch noch, da sich die Windenseile beim zurückschleppen irgendwie verfitzt hatten und das Seilfahrzeug (in der Tat ein W124 300TDT) erstmal stoppen musste, um den Schlamassel zu beheben. Das verschaffte mir noch mal etwas Zeit, um die persönlich Ausrüstung in den Seitentaschen zu verstauen: Fahrradbrille, die ich mir extra fürs Fliegen noch in meiner Stärke hatte verglasen lassen, meine Wollmütze, die ich gerade gegen einen aus dem selben Grund erworbenen, aber als Arbeitsmütze abgerechneten Hut getauscht hatte und natürlich diverse Ohrenstöpsel. Alles griffbereit.

Mit Rolfs Ankündigung „Na dann wollen wir mal…“ gab es dann definitiv kein Zurück mehr. Er schwang sich auf den hinteren Sitz, krachte die Haube zu und begann mit dem Startcheck: Haube geschlossen und Verriegelt, Trimmung neutral, Bremsklappen eingefahren und verriegelt, alle Ruder frei und beweglich, Besatzung ordnungsgemäß angeschnallt, Fallschirme eingehängt. Erst nach dieser Formel darf der Starthelfer das Windenseil in die Schwerpunktkupplung einklinken und dem Flugleiter Startbereitschaft melden. Während das geschah reichte mir Rolf noch eine Tüte „für alle Fälle“, dem Logo nach geklaut bei der Lufthansa. Mit der Meldung „Janus 2 Startklar“ steigerte sich die Mischung aus Anspannung und Bauchkribbeln nochmals um ein Vielfaches. Dann zog der Windenfahrer das Seil straff und los ging’s. Innerhalb von nicht mal drei Sekunden waren Tempo 90 erreicht und wir hoben ab. Irres Gefühl. Kein dröhnender Motor der beruhigend vor sich hintuckert, sondern nur das Fauchen des Windes. Ab 50m zog Rolf richtig an und wir stiegen im 45°-Winkel, bei etwa 350m krachte das Seil aus der Kupplung und der Flieger war frei. Um den Startvorgang wirklich genießen zu können war das ganze Ereignis viel zu intensiv, etwas Derartiges hatten weder mein Hirn noch mein Magen bisher erlebt. Entsprechend brauchte ich einige Sekunden, um mich dann wirklich auf das was ich da grade machte, nämlich Segelfliegen, zu konzentrieren. Rolf war zwischenzeitlich schon auf der Suche nach dem nächstbesten Thermikbart, um aus den 350 Metern noch etwas mehr herauszuholen, denn der Tower in Leipzig hatte heute bis 1500m (5000ft) Freigabe erteilt. Langsam aber sicher entspannte ich mich und versuchte, neben dem ständigen Blick auf Variometer, Fahrt- und Höhenmesser anhand von Bodenmarken die Orientierung zu behalten. Rolf spielte währenddessen Fremdenführer und erklärte mir die wichtigsten Orientierungspunkte in der Umgebung von Taucha.

So richtig steigen wollte der Flieger dann aber zwischendrin nicht mehr, und langsam eierten wir bis auf 170m runter. Eigentlich schon auf dem Weg zur Landung erwischte Rolf dann aber doch noch einen Aufwind, in dem es richtig zur Sache ging. Nach einigem Suchen und Korrigieren hatte er den Dreh raus und kurbelte den Segler wieder bis auf 500m hoch. Dann gings auf ein kurzes Stück Strecke zur nächsten Wolke, die einigermaßen vielversprechnd aussah und an der schon ein Pirat sein Glück versuchte. Irgendwie war das dann doch nicht so das Wahre, und Rolf beschloss, es gut sein zu lassen. Er meldete Janus 2 auf Position und erhielt vom Flugleiter Landefreigabe. Nach den letzten beiden Kurven der Platzrunde fuhr er die Bremsklappen aus, schwebte den Vogel majestätisch über die Platzgrenze und setzte direkt am Landezeichen butterweich auf. Nach einigen Metern Rollstrecke standen wir wieder fest auf dem Boden. Nach knapp 30 Minuten war mein erster Flug zu Ende.

Im Anschluss wurden noch sechs Starts durchgeführt, und ich machte mich beim Seileholen und Flugzeugschieben nützlich. Nach dem Abbau und Abstellen der Flugzeuge in der großen Halle wurde noch diskutiert und der Tagessieger in Bezug auf die am Stück geflogene Zeit bekannt gegeben. Mein Persönliches Resümee war eine beeindruckende Erfahrung, insbeseondere in Bezug auf den Windenstart. Mit den Ohren hat das rein von Druck her ganz gut funktioniert, auch wenn ich jetzt, gute sechs Stunden später, es doch ein wenig merke. Alles in allem muss ich mir noch nen passenden Gehörschutz organisieren, der einerseits mehr als 20dB dämpft, aber andererseits die Luft ordentlich zirkulieren lässt.

Auf ein Neues in vierzehn Tagen.

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