Ein dunkler Tag auf der Mönchsheide

Es gibt sie einfach, diese Tage, die man am liebsten aus dem Kalender streichen würde. Für mich gehört der heutige definitiv dazu.

Es ging schon beim Aufrüsten des Fliegers damit los, dass sich eine der Fokkernadeln zur Sicherung der Ruderanschlüsse offenbar beim Abrüsten am Vortag verabschiedet hatte. Jedenfalls fand ich am Ausklingzug, an dem ich die Nadeln samt Sicherungsschraube für das Höhenleitwerk immer befestige, damit sie nicht verloren gehen, nur noch vier anstatt der üblichen fünf. Sofort schießt mir die Geschichte mit der Schraube von der Funkgerätblende durch den Kopf und ich sehe mich schon wieder dabei, den Flieger auseinander zu nehmen und das Teil zu suchen.

Beim Briefing höre ich nur mit halbem Ohr hin, da ich, wenn überhaupt, erst als letzter starten werde. Jeder Wegflug wäre heute ein Risiko gewesen, denn beim Anhänger für die Else hatte sich am Abend zuvor das Spannschloss für den Bremszug verabschiedet. Und mit Anhänger ohne Bremse möchte ich keinen Rückholer fahren lassen. Den halben Vormittag verbringe ich mit dem Versuch, Ersatz zu organisieren. Angesichts der Tatsache, dass da 3/8″-Gewinde verbaut sind, vergeblich. Als am Mittag die Segler in die Startaufstellung gehen, bin ich am Telefonieren und höre mir immer wieder an, dass der angerufene Teilnehmer nicht mit Zollgewinden dienen kann. Immerhin, eine Werkstatt bietet mir eine Notreparatur an.

Um 13.45 höre ich entsetzte Rufe über den Flugplatz schallen, das ein Segelflugzeug in den angrenzenden Wald gestürzt ist. Ein Helfer der BBSW ist Rettungssanitäter und rekrutiert das verfügbare Bodenpersonal für die Suche und Erstversorgung. Wir brettern mit unserne Autos über den Platz in Richtung des Waldes im Osten und nehmen wenig Rücksicht auf die Bodenwellen auf der Wiese und den Waldwegen. Dann teilen wir uns auf um einen größeren Bereich effektiver absuchen zu können. Nachdem ich nichts gefunden habe drehe ich um und erfahre, dass das Wrack enteckt und der Pilot ansprechbar ist. Mit meinen beiden Verbandkästen eile ich zur Absturzstelle und sehe das völlig zertrümmerte Flugzeug zwischen den Bäumen liegen. Der Sani betreut den Piloten, der sich meines Wissens nach selbst aus dem Cockpit hat befreien können. Er ist bei Bewusstsein und bereits erstversorgt. Für den Fall, dass noch Hilfe gebraucht wird, bleibe ich zunächst vor Ort und weise die kurze Zeit später eintreffende Feuerwehr ein.

Da ich weiter nichts ausrichten kann verlasse ich den Unglücksort und mache mir meine Gedanken über das, was ich selbst in der Luft so tue. Ist der Spaß am Segelfliegen dieses Risiko wert? Warum begibt man sich freiwillig in diese Gefahr? Am Donnerstag hätte ich selbst beinahe im Wald gelegen, wenn nicht ein ganzer Sack von Glückspfennigen mir eine zwar unsafte, aber immerhin unverletzte Landung ermöglichte. Es ist die eine Sache, über Abstürze von Segelflugzeugen in den Medien zu lesen. Es ist aber eine ganz andere, einen Verletzten vor den Trümmern seines Flugzeuges zu sehen. An Spekulationen zur Unfallursache werde ich mich nicht beteiligen. Interessant ist aber, dass laut einem Mitarbeiter der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung der noch ausgefahrene Motor dem Piloten vermutlich das Leben gerettet hat, weil er im kopfüber auf den Boden schlagenden Flugzeug wie eine Art Überrollbügel funktioniert hat. Das war ganz ganz großes Schwein, denn vom Cockpit war sonst nicht viel übrig geblieben. So richtig durch kommt das Erlebnis in meiner Psyche aber nicht, durch meinen Berufsalltag hab ich genug Verkehrsunfälle gesehen. Nur die stiller Ermahnung, sich an grundlegende Regeln der Fliegerei zu halten, schallt laut in meinem Kopf.

Am Nachmittag organisiere ich Ersatzteile für den Hänger und schaffe ihn in die Werkstatt. Als ob der Tag nicht Scheiße genug war, streife ich auf einem Supermarktparkplatz einen Begrenzungspfosten und zerkratze mir die rechte Seite des Autos. Ich bin pappsatt. Es war insgesamt zu viel an diesem 18. Mai.

Wieder auf dem Platz nehme ich einmal mehr die Else auseinander und suche in allen möglichen Hohlräumen nach der Fokkernadel. Auch wenn es wirklich unwahrscheinlich ist, dass sie im Flieger liegt, lässt es mir keine Ruhe. Ich weiß genau, wie ich neben dem Flieger stand und lange mit den Nadeln hantiert habe, um sie transporttauglich zusammen zu friemeln. Dabei ist wahrscheinlich eine auf der Wiese verschwunden. Mit Spiegel, Lampe und Teleskopmagnet untersuche ich die neuralgischen Stellen, kann aber nichts finden. Auch ein Griff in die geöffneten Handlochdeckel im Cockpit bringt nichts. Sie ist nicht im Flieger, würden Optimisten sagen. Bei mir als eher pessimistisch-realistisch eingestelltem Menschen bleibt dennoch ein ungutes Restgefühl. Ein blockiertes Ruder infolge eines verklemmten Gestänges endet in Bodennähe häufig in einem Unfall, und das würde ich mir nicht verzeihen.

Immerhin haben mir die Hausherren auf der Mönchsheide einen Platz in der Halle für die LS1 frei gehalten, sodass der Flieger im trockenen übernachten kann. Kaum ein Trost an einem solchen Tag.

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