Von streikenden Navis, Feingewinden und einer Wiese im Rheintal

So langsam habe ich begriffen, worauf es bei einem Segelflug-Wettbewerb ankommt. Früh aufstehen, früh aufrüsten, früh am Start stehen, zum richtigen Zeitpunkt abfliegen und landen. Eigentlich simpel.

Pünktlich um neun Ist die Else am Sonntag aufgerüstet und glänzt nach der Werkstattaktion am Freitag wie aus dem Ei gepellt. Da ich mangels Schleppstange und Flächenrad nicht allzu mobil bin, lande ich dennoch im ersten Drittel der Startaufstellung. Das stört aber nicht, da ich zur Abwechslung mal so ziemlich alles orfentlich vorbereitet habe. Die Dokumente sind eingepackt, das Trinksystem mit Wasser und einem Schuss Zitronensaft gefüllt, Müsliriegel als Snack für unterwegs liegen parat und der Flieger ist startklar. Eigentlich wollte ich die Flächen noch putzen, dafür reicht die Zeit allerdings nicht mehr.

Angesichts der zu erwartenden Wetterlage ist die Aufgabe etwas anspruchsvoller als am Donnerstag. Von der Mönchsheide geht es zum Flugplatz Düren-Hürtgenwald, der Wendezylinder hat einen Radius von 35 Kilometer. Wendepunkt zwei ist der Flugplatz Singhofen mit einem Zylinder von 30 Kilometern. Schließlich sollen wir den Platz in Dierdorf-Wienau anfliegen und im Radius von 15 Kilometern wenden. Mindestsrecke 109, über die Wendepunkte 254 Kilometer. Wer die Sektoren bis zum Äußersten ausreizt kommt gar auf 399 Kilometer.

Um 12.15 Uhr zieht das UL mein Seil straff. Der Schlepp an der kleineren Maschine ist um Welten entspannter als die beiden bisherigen hinter der Remo. Wir steigen zügig und bei 600 Metern klinke ich aus. Auf meinem Höhenmesser stehen da aber schon 800, denn ich habe am Boden auf MSL eingestellt. Der Fehler mit der falschen Höhenmesseranzeige soll mir kein zweites Mal passieren, und mit MSL-Werten kann ich super nach Karte fliegen. Während ich mit zig anderen im gleichen Bart kreise, das Flarm munter vor sich hin brüllt und wir uns auf Abflughöhe schrauben erfreue ich mich an der Höhenangabe über Grund, die mir das Navi permanent liefert. Die Freude währt ganze zehn Minuten, dann verschwindet die Kartendarstellung und der Bildschirm flimmert in mattem Licht. Durch mehrmaliges Drücken auf den Einschalter kann ich das Gerät wiederbeleben.

Kurz nach 13 Uhr Ortszeit melde ich meinen Abflug und versuche in Richtung West-Nordwest mein Glück. Über Bad Neuenahr-Ahrweile tanke ich etwas Höhe und fliege dann im gestrecken Galopp weiter. Da mein Navi zwischenzeitlich komplett den Geist aufgegeben hat orientiere ich mich an der Autobahn A61. Zwischen Kalkar und Orloff habe ich nur noch knappe 350 Meter über Grund und sehe mich schon eine Viertelstunde später auf einem der schicken braunen Felder unter mir stehen. Aber es klappt, ich finde Steigen und schraube mich hier auf knapp 1400 Meter hoch. 20 Minuten brauche ich dafür und nehme dann Orientierung in Richtung des zweiten Wendepunktes auf. Nur zehn Minuten später bin ich wieder über Bad Neuenahr und ballere unter den dicken, grauen Quellwolken mit Tempo 120 entlang, ohne groß an Höhe zu verlieren. So könnte es immer sein.

Mit einigen Zwischenbärten schaffe ich es bis nach Mühlheim-Kärlich und beobachte aus der Luft das dortige Kernkraftwerk, eine der größten Investitionsruinen Deutschlands, da es wegen fehlerhafter Baugenehmigungen nach nur 30 Monaten vom Netz gehen musste. Über dem Autobahnkreuz Koblenz-Nord erwische ich nochmal recht gute Thermik und hole mir genug Höhe für den Sprung über den Rhein, der mich mitten über das Stadtzentrum führt. Im Wissen, den Sektor von Wendepunkt zwei erreicht zu haben, drehe ich auf Nordkurs und versuch anhand von Bodenmarken eine Peilung zum letzten Wendepunkt zu bekommen. Mit 700 Metern geht es parallel zum Fluss zwischen Bendorf und Höhr-Grenzhausen durch, allerdings habe ich zu dem Zeitpunkt keinen Plan, wo der Wendepunkt genau liegt und vor allem, woher ich die Höhe nehmen soll, um da hinzukommen.

Ein große Wiese unter mir und ein paar Stoffbahnen deuten einen Gleitschirmplatz an, und ich beschließe, hier mein Glück zu versuchen. Bis ich Thermik finde bin ich auf nicht einmal mehr 250 Meter über Grund gesunken, allerdings ohne Gefahr, da ich die Landewiese perfekt unter mir hatte. In wirklich schweißtreibender Arbeit, einem klassischen Feingewinde-Schnitt, schraube ich mich nach oben. 25 Minuten brauche ich, um knapp 750 Meter gut zu machen, aber es kommt mir wie eine Ewigkeit vor.

Über Kleinmaischeid und Dernbach fliege ich nach Norden und sehe schließlich rechts den Flugplatz Dierdorf-Wienau. Ich wechsle die Funkfrequenz und höre, wie sich dort Segelflugzeuge startbereit machen. Ich kreise dort am Platz auf Höhe und bin mir nicht sicher, welchen genauen Kurs ich nun fliegen muss, um die Mönchsheide zu erreichen. Dank des Rheins und einiger charakteristischer Flussmerkmale in der Entfernung kann ich in etwa abschätzen wie ich fliegen muss und mache mich auf nach Hause. Von Großmaischeid aus geht es dann nahezu gerade im Westkurs auf die Mönchsheide zu, die Luft trägt super und ich kann mit 130 fliegen ohne zu stark zu sinken. Nahe Melsbach allerdings beginnt das große Saufen. Der Zeiger des Varios klatscht an den unteren Anschlag und ich drücke nach, um die sinkende Luftmasse über dem bewaldeten Hügel schnell hinter mir zu lassen. Das wird knapp. Ziemlich in der Mitte drehe ich noch einen Verlegenheitskreis, der aber null Höhe bringt. Da unter mir bis auf zwei Wiesen alles unlandbar ist kann mich nur noch das Rheintal retten. In rund 150 Metern flitze ich mich bis zu 150 Sachen über die Bäume, bin mir aber absolut sicher, es zu schaffen, da das Profil steiler wird und ich direkt vor mir mehrere Außenlandefelder sehe.

Entweder ich kriege am Rheinufer noch Thermik oder es wird wieder eine Außenlandung. Zwichen Bad Hönningen und Rheinbrohl drehe ich letzte Runden, prüfe vier Felder und eine Wiese auf ihre Tauglichkeit als Behelfspiste. Schließlich fällt die Entscheidung für die schöne lange Wiese, die direkt parallel zum Rheinufer verläuft. Ich fliege in rund 150 Metern über Grund eine saubere Landeeinteilung und drehe in einen langen Endanflug. Fahrwerk raus, verriegeln und Konzentration auf die Klappenarbeit. Der Anflug ist frei, hinter zwei Zäunen kommt die Wiese. Ich lege einen perfekten Anflug hin und fange die Else sauber knapp über dem Boden ab. Es bumst und nach rund 50 Metern Rollweg steht der Flieger. Ich bin Happy und angepisst zugleich. Happy, weil die Außenlandung lehrbuchmäßig war. Angepisst, weil ich es mit 200 Meter mehr Höhe zum Platz geschafft hätte. Hätte.

Während ich auf Ramona und Robert warte, die mich dankenswerter Weise noch einmal vom Acker holen, erkläre ich zwei Kids, die die Landung beobachtet haben, das Flugzeug. Später kommt noch eine junge Familie dazu und es wird eine nette Unterhaltung. Mehrere Autos halten an man fragt, ob ich Hilfe brauche. Nö, alles ok. Mit der Fähre geht es zurück über den Rhein und nach gut zwei Stunden bin ich wieder am Platz.

Hammertag. Von denen, die außengelandet sind, bin ich mit Abstand am weitesten gekommen. Am Ende waren es fünf Stunden und zwei Minutern. Da ich den F-Schlepp wegrechnen muss, bleiben 4 Stunden und 56 Minuten als reine Segelzeit. Vier Minuten zu wenig für die Silber-C. Man hats halt nicht leicht…

Mit diesem Flug habe ich übrigens die Bedingungen für Gastflüge erfüllt. Und, Tatsache, über die Flugstunden und nicht über die 30 Starts seit Lizenzerteilung 🙂

Brauchen Sie Hilfe?? Nönö, Alles Ok!
Brauchen Sie Hilfe?? Nönö, Alles Ok!

3 Kommentare zu „Von streikenden Navis, Feingewinden und einer Wiese im Rheintal

  1. Den Höhenmesser bei einem Streckenflug nach QFE zu stellen, ist extrem dumm und sehr fahrlässig. Mir scheint es, dass Du Dich auf den Wettbewerb zu wenig vorbereitet hast und er deutlich zu früh für Dich kommt. Dies hat sich auch am 1. Wertungstag gezeigt. Schlimmeres wurde nur durch viel Glück verhindert. Mit Stresssituationen umzugehen benötigt Erfahrung und fliegerisches Geschick.

    1. Hey Alfred, wie du hier lesen kannst, habe ich aus meinem Fehler gelernt. Ich halte wenig davon, hier in diesem Blog alles schön zu schreiben und meine Fehler zu verschweigen. Vielleicht bewahren die Berichte den ein oder anderen vor ähnlichen Erfahrungen.

      1. Es ist ja schön, dass Du aus Deinen Fehlern lernst. Aber oftmals passiert das Unglück auch schon beim ersten Fehler. Am 1. Wertungstag hattest Du einfach unfassbares Glück. Da sind geschätzt 10 Fehler auf einmal gewesen. Alle gingen zum Glück gut aus – toi toi toi. Jedoch scheint mir, dass Du nicht nur sehr unerfahren bist, sondern auch eine extreme Tollpatschigkeit aufweist. Dies ist sicherlich nicht förderlich für einen Wettbewerb. Aufgrund der hohen Anzahl an Flugzeugen gefährdest Du dabei auch andere Teilnehmer! Für mich ist sowas ein Unding.

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