Erstes Halbjahr

Wenn ich mir nicht langsam angewöhne, fliegerische Erlebnisse gleich zu Blogbeiträgen zu verarbeiten, dann wird das irgendwann nur noch eine Jahreszusammenfassung. Und ist das dann noch ein Blog? Grenzwertig. Aber ich gelobe Besserung 😉

Die spinnen, die Friesen!

Man muss ja für bestimmte fliegerische Dinge ne ziemliche Meise haben. 50 Euro für nen F-Schlepp ausgeben und innerhalb von fünf Minuten die Höhe abturnen zum Beispiel. Oder sich bei minus 15 Grad am Boden in einen Segler hocken und dann Stundenlang im Hangaufwind den Teckberg oder die Albkante zu bügeln. Aber das alles wird getoppt von der Idee, auf Sylt Segelflug zu betreiben. Ja, richtig gelesen. Auf Sylt. Deutschlands größter Nordseeinsel und in Schwabien allenfalls bekannt als spießiges Freiluftgehege für Golfspieler und Porschefahrer, die Geld einfach nur haben. So weit, so klischeegeschwängert. Allerdings: einen Luftsportverein gibts dort, und in meiner Berufung als neugieriger Luftfahrtjournalist musste ich mir einfach anschauen, was es da zu erleben gibt, abgesehen vom Fischbrötchen bei Gosch.

Die Anreise via Rhein-Neckar-Air ist zwar alles andere als grün, aber das darf ich genauso unter „dienstlich“ abbuchen wie alle weiteren fliegerischen Aktivitäten in dieser Woche. Mit der Do 328 geht es ab Mannheim direkt zum Sylter Airport, was mir eine neunstündige Zugfahrt erspart und dem aerokurier eine kleine Story über eine sehr spezielle Airline bringt, die ihre Nische gefunden hat. Und – zugegeben – die Küstenlandschaft aus der Luft ist schon ein Hammer Anblick. Als die Do die Piste des Insel-Airports küsst, ist das Wetter beschissen. Nieselregen und Wind. Nach einem Crewfoto für die Reportage und einem weiteren von der Gepäckausgabe flitze ich auf den Turm, um die Do noch von oben zu knipsen. Dabei vergesse ich meine Tasche, die mir dann die freundlichen Damen vom Zoll hinterher tragen. Andernorts hätte man wahrscheinlich gleich das Bombenkommando geholt…

Den Transfer zum Flugplatz übernimmt Bernhard, Vorsitzender des Sylter Aero-Clubs. Auf seinem Mist ist auch die zweiseitige Agenda gewachsen, die die Sylter für mich vorgesehen haben. Punkt 1: Fliegen. Das ist schon mal gut. Platz Nummer 83 in meiner Liste. Mit dem Auto geht es einmal um den Flugplatz zu dessen südöstlicher Ecke. Hier geht es durchs Tor in den Sicherheitsbereich. Eine ASK 13, zwei Fahrzeuge und eine in die Jahre gekommene Kombination aus Vereinsheim und Halle – das ist der Aero-Club Sylt. Meine Skepsis scheint sich zu bestätigen: viel los ist hier nicht. Kurze Vorstellung, erste Orientierung und ein paar Fotos. Dann geht es ohen Umschweife zur Sache: „Da steht der Flieger, wenn du magst, geh‘ fliegen!“ Sowas lasse ich mir freilich nicht zweimal sagen. Mit mir im Cockpit nimmt Erik platz, einer der hiesigen Fluglehrer.

Das Seil strafft sich, die 13 nimmt Fahrt auf und es geht aufwärts. Schon beim Blick in die Flächen zur Kontrolle des Steigwinkels kann ich mich kaum sattsehen. Als sich der Start dem Ende neigt und ich die Nase der 13 wieder herunter nehme, überkommt mich ein noch nie dagewesenes Gefühl der Überwältigung. Ich habe Plätze wie Niederöblarn, Aigen, Thun oder Puimoisson erlebt, die allesamt eine echt irre Umgebung zu bieten haben. Aber direkt nach dem Start aufs Meer zu gucken, die weißen Sandstrände, die Hotels von Westerland, das Grün der Insel von oben zu sehen – einfach irre. Und einmal mehr bedauere ich die Leistungsflieger, die jedes Wochenende die Rennstrecken auf der Alb oder im Fläming oder im Thüringer Wald abreiten, um den nächsten Flug bei WeGlide hochladen zu können und darüber den Entdeckergeist der Luftfahrtpioniere völlig zu vergessen scheinen. Es gibt mehr als Streckenkilometer!

Der Querabflug ist nur zwei Kilometer lang, dann bin ich über dem Meer, der Gegenanflug führt über Buhnenfelder, mit denen die Insulaner dem Wattenmeer Land abzutrotzen versuchen, wie mir Fluglehrer Eric erklärt. Queranflug entlang der Keitumer Kirche und dann über den Airport-Zaun wieder zur Landung, und als das Rad das Gras berührt, bin ich noch immer geflasht. Noch zwei Starts mache ich und kann beim dritten Versuch 22 Minuten Thermik Kreisen! Eigentlich kann ich in dem Moment meine Lizenz abgeben. 22 Minuten Thermik auf Sylt, mehr kann fliegerisch eigentlich nicht kommen.

Eine gute Stunde später sitze ich mit Ralf, einem anderen FI, gemeinam im Falken, Kurs Föhr. Spätes Mittagessen auf der Nachbarinsel ist das Ziel, und während wir parallel zur Küstenlinie über das Meer knattern, macht Ralf den Insel-Guide und verpasst mir zudem eine Einweisung auf mein zweites TMG-Muster. Am Flugplatz Wyk ist der Empfang herzlich, der neueste Fliegerklatsch wird ausgetauscht und der Türmer berichtet von einer Episode, bei der ein Freak landete, seine Maschine in der hintersten Ecke des Platzes abstellte und verschwand. Gut ein Jahr später kam er wieder und wollte sein Flugzeug abholen, musste mehr als 1000 Euro Abstellgebühren berappen und konnte dann nicht weg, weil die Jahresnachprüfung natürlich abgelaufen war. Nach Flammkuchen mit Nordseekrabben geht es zurück nach Sylt. Hier lädt mich der Club zum Abendessen ein, wo weitere Storys ausgetauscht werden und ich Harry kennen lerne, der tatsächlich mal bei der Fliegergruppe Wolf Hirth geflogen ist und bei Schempp-Hirth gearbeitet hat. Die Welt ist klein.

Einen Tag später ist das Wetter zu scheiße zum Fliegen, aber der Aero Club hat eine spannende Tour über die Insel vorbereitet, die uns zu den Plätzen führt, an denen Luftfahrtgeschichte geschrieben wurde. Da ist das Rote Kliff, an dem Hangflug-Weltrekorde geflogen wurden, die Dünen vor List, wo der Flugbetrieb auf der Insel einst begann, oder der Lister Hafen, von dem aus Wolfgang von Gronau mit einer Dornier Wal zur ersten Ost-West-Atlantiküberquerung eines Schwimmerflugzeugs startete.

Nach einem letzten gemeinsamen Essen beim Sylter Kult-Gastronom Gosch verabschiede ich mich von unglaublich herzlichen Fliegerkameraden und bin mir sicher, nicht das letzte Mal auf Sylt geflogen zu sein.

Die spinnen, die Friesen, pt. II

Nach Sylt dachte ich, alle Kuriositäten norddeutscher, fliegerischer Freakigkeit gesehen zu haben, doch weit gefehlt. Mein Besuch in Aventoft, dem nördlichsten Flugplatz auf dem deutschen Festland, blehrte mich eines besseren. Auch hierher führt mich der Job, eine Reportage über den Verein uns das Treiben hier steht auf dem Programm. Hans-Ullrich, der Vereinsvorsitzende des LSV Südtondern, prognostiziert flugtaugliche Bedingungen für den Mittag, was mir angesichts der Wasserpfützen auf dem Platz nur ein müdes „ja sicher!“ abringt. Doch das Mindest des Clubs hier oben, ein paar hundert Meter von der dänischen Grenzen entfernt, ist in Jahren des Nieselregens und Seewindes zu einer beeindruckenden Mischung aus „Es ist wie es ist!“ und „Scheissegal, wir machen das einfach!“, gereift. Und so wundert es mich nur bedingt, dass kurze Zeit später die Hallentore aufgeschoben und die ASK 13, die Winde und ein C-Falke ins immernoch schmuddelige Wetter geschoben werden. Kaum steht die Winde, zieht ein alter Traktor die Seile zum Start, denn der Lepo, ein Passat 35i, wie ich mit Freude festestelle, hatte sich bereits zweimal festgefahren. Aber die Aventofter wären nicht die Aventofter, wenn es nicht auch dafür eine Lösung gäbe. Die sieht so aus, dass man dem Paserati flux Schneeketten verpasst und auf diese Weise für das notwendige Maß an Traktion sorgt. Ob ich darüber den Kopf schütteln oder den Fatalismus beklatschen soll, weiß ich in dem Moment auch nicht so richtig.

Nachdem der Schulbetrieb gut eine Stunde läuft, bin ich dran und wühle mich ins vordere Cockpit der ASK 13. Beim Start ist es ähnlich wie auf Sylt, und ich kann mich kaum sattsehen an der ungewohnten Landschaft ringsherum. Kaum ausgelevelt, eröffent sich voraus das Panorama des Wattenmeers mit Blick auf den 15 Kilometer entfernten Hindenburgdamm. Drei Flüge auf der 13 mit Hans-Ulrich machen mich grundlegend mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut. Die Landung auf dem nassen Flugplatz gleicht der auf einem Flugzeugträger, denn nach dem Aufsetzen steht man innerhalb etwas mehr als einer Radumdrehung.

Dann macht mir der Vorsitzende ein Angebot, dass ich nicht ablehnen kann: „In der Halle steht meine DFS Weihe 50. Lust auf einen Flug?“ Kurze Zeit später sitze ich im Cockpit des Oldies und stelle fest, dass meine gar nicht so breiten Schultern gerade so in den Haubenausschnitt des Rumpfes passen. Die Einweisung ist norddeutsch-nüchtern: „Fliegt wie jedes andere Flugzeug, hat nur keine Klappen. Slippen kannste, oder?“ Die Weihe ist das 64. Flugzeugmuster meiner fliegerischen Karriere, und da ich bereits in weit kapriziöseren Geräten saß, freue ich mich mehr auf den Flug, als dass ich mir wirklich Gedanken mache, was schief gehen könnte.

Der Start fühlt sich seltsam an, denn der Flügel der Weihe ist vergleichsweise weich, sodass er Böen vielmehr abfedert als die Tragflächen der ASK 13. Kaum ausgelevelt und abgekurvt, merke ich, wie ein Aufwind unter die Flächen greift. Thermik hier oben, auf dem nördlichsten Festlandflugplatz Deutschlands! Die Weihe ist für das schwache Steigen genau das richtige Gerät. 18 Meter Spannweite, große Flügelfläche und in Verbindung mit dem vergleichsweise geringen Gewicht eine Flächenbelastung von irgendwas um die 16 Kilogramm – da hilft selbst ein laues Lüftchen, um sich oben zu halten. Insgesamt werden es vier Flüge auf dem Oldie, in denen ich die Umgebung ein wenig erkunde und feststelle, dass es auch weit jenseits von Alb und Mittelgebirgsrennstrecken schöne Fluggebiete gibt.

Tags darauf spleiße ich mich in den Flugbetrieb mit ein, und zwar insofern, dass ich nicht mehr vorne, sondern hinten Platz nehme und die Fluglehrer ein wenig entlaste. Warum auch nicht? Immerhin will ich für die Reportage ja mitbekommen, wie hier der Hase läuft. Gute zwei Stunden FI-Zeit kommen so zusammen, und am Ende fliegt einer der Schüler sogar 38 Minuten Thermik, während derer ich Zeit habe, einfach das drumherum aufzusaugen und zu genießen. Und der Luftsportverband Schleswig-Holstein hat auch gleich noch eine Story für seine Website…

Danke auch an die Gastfreundschaft der Aventofter! Und von mir der Tipp an alle anderen Segelflieger, einfach mal die gewohnten Reviere hinter sich zu lassen und zu gucken, was es sonst noch so gibt. Der Norden ist in jedem Fall eine Reise wert!

Segelfliegen side by side

Zufälle scheinen meinen fliegerischen Werdegang ein Stück weit zu bestimmen. Ich kam zufällig zum Segelfliegen, traf denjenigen, der mich einst mit der Idee angefixt hatte, zehn Jahre später auf einem Kunstfluglehrgang zufällig wieder und erfuhr jüngst bei einem Besuch in Grabenstetten zufällig von einem in der darauffolgenden Woche stattfindenden Calif-Treffen. Wenn das nicht ne Story für den aerokurier ist, schoss es mir durch den Kopf.

Also am Tag der Tage die Grob 109 klar gemacht und auf nach Aalen-Elchingen. Wenn man die Wahl hat, eine halbe Stunde zu fliegen oder eindreiviertel Stunden Autobahn zu fahren, dann ist im Sinne der Effizienz der „Rattel“ definitiv die bessere Wahl. Neben mir im Cockpit mein Kumpel Christian vom Aeroclub Stuttgart, hinter uns im Gepäckabteil Kameras, Notizzeug etc. pp. Werkzeug für den Handwerker von der Presse halt. Vor Ort komme ich mir vor, als wären wir in einem Kaulquappenschwarm gelandet: Die Doppelsitzer mit den breiten Rümpfen und 20 Metern Spannweite sehen einfach mega ungewohnt aus. Christian bekommt den Auftrag, ein paar davon in der Luft abzulichten, ich will mich in der Zwischenzeit um die Informationen kümmern, die ich für den Artikel brauche. So kommt es, dass ich wenig später mit Hans-Peter Gomolzig im Cockpit sitze, der mit seiner Firma Gomolzig Flugzeugbau bis zuletzt die Musterbetreuung für den Calif in Deutschland betrieben hat. Hier erfahre ich aus erster Hand die Geschichte des Musters, seine Vorzüge und Macken und natürlich, wie er sich fliegt! Darüber berichte ich in der nächsten Ausgabe des aerokuriers ausführlich.

Auf dem Rückweg zur Hahnweide steigt mal wieder das LX aus, weil irgendwie das GPS nicht will wie es soll. Ich schalte direkt in den Modus „Geländenavigation“, was entlang der Albkante easy funktioniert, Christian hat aber bereits irgendeine Navigationsapp auf dem Handy aktiviert, die uns stressfrei durch die Lufträume bringt. Nach einer halben Stunde Flugzeit setze ich die Grob 109 wieder auf die Piste der Hahnweide und denke mir, dass es mich im Job echt schlechter hätte treffen können.

Mit dem Rattel zur Bundesgartenschau

Die erste Dienstreise mit dem TMG! Schon länger hatte ich mir vorgenommen, unsere Grob 109 endlich mal für einen dienstlichen Termin zu nutzen, und da bot sich ein Ausflug für eine „Tipps-für-Trips“-Geschichte nach Mannheim mit Besuch der Bundesgartenschau geradezu an. Neben mir nimmt Anika Platz, die mich schon länger als Teilzeit-Copilotin in- und außerhalb des Cockpits begeleitet. Also Kamera, Notizblock und kleines Gepäck für eine Übernachtung in den Rattel gewuchtet und ab Richtung Nordwesten. Dabei merke ich, wie leicht mir die motorisierte Fliegerei inzwischen von der Hand geht. Flug durch die Kontrollzone, Kommunikation mit Langen Information, Einordnen in die Platzrunde eines unbekannten Flugplatzes – die Übung machts einfach.

Der Flug nach Mannheim dauert eine knappe Stunde – einschließlich einer Extra-Runde über dem Hockenheimring. Erst durch den Funkverkehr auf der Mannheimer Frequenz bemerke ich, dass ein Einflug in die Kontrollzone auch über die südlichen Meldepunkte möglich zu sein scheint, was aus dem Anflugblatt nicht hervorgeht. Auf der gut 1000 Meter langen Piste komme ich mir mit der Grob beinahe verloren vor, über die Taxiways geht es zum Abstellplatz auf der Wiese vor dem Vorfeld. Wiese, Mist. Ich habe in der Annahme, dass wir auf Asphalt parken werden, die Erdanker zuhause gelassen. Allerdings – in der zweiten Reihe gibt es eine Eisenkette, an der wir den Rattel anspaxen können. Läuft.

Auch schön: Der Flughafenchef Dirk Eggert begrüßt uns persönlich. aerokurier-Bonus. Nach einem kurzen Schnack sichern wir das Flugzeug und spazieren dann zu Friebe, wo ich zwei Helme, die wir uns zum Test ausgeliehen hatten, zurückgebe. Eine halbe Stunde und zwei Kaffee später sind wir mit unserem Gerödel auf dem Weg zum Hotel Tante Alma. Heißer Tipp für Monnem-Besucher, denn hier wird man nicht nur mit freundlichen Worten, sondern auch mit einem doppelten Eierlikör empfangen. Daumen hoch dafür! Den Abend nutzen wir für einen Spaziergang durch die Stadt und organisieren uns eine mega leckere Pizza bei Papi im Jungbuschviertel.

Tags darauf geht es direkt vom Hotel zum Buga-Gelände Luisenpark, wo wir leider feststellen müssen, dass unsere Pressetickets am anderen Eingang am Spinelli-Park hinterlegt sind. Also einmal mit dem Bus quer durch die City und Tickets einsammeln, bevor wir einmal über das 80 Hektar große Areal streunen, das bis 2014 der US Army als Kaserne diente, bevor es in die Konversion ging und im Zuge der Buga renaturiert wurde. Allerdings: Der Hitzesommer hat an vielen Anpflanzungen seine Spuren hinterlassen, vieles ist mehr braun als grün.

Mit der Seilbahn geht es über gute zwei Kilometer zurück zum Luisenpark, der bereits 1975 Teil der Bundesgartenschau war und ein echtes Kleinod ist. Wiesenflächen, alte Bäume, ein See, zahlreiche Tierarten bis hin zum Flamingo – hier kann man im besten Sinne Zeit vertrödeln.

Gegen 16 Uhr bringt uns die Tram über fünf Stationen wieder zum Flughafen, wo wir mit dessen Chef Eggert noch eine Stunde über den Airport und seine Entwicklung sprechen. Das, was den City Airport Mannheim deutlich von anderen Verkehrslandeplätzen abhebt, ist seine Fokussierung auf die General Aviation. Zwar fliegen hier auch die Rhein-Neckar-Air mit Do 328 und eine Frachtlinie mit Do 228. Dennoch steht das „Kleinvieh“ von Dreiachs-UL und Tragschrauber über Cessna, Segelflieger und Co. bis hin zur Foxtrott-Klasse und leichten Business-Jets im Fokus. Sogar die Flugsicherung hat man hier in die eigenen Hände genommen, weil Lotsen von DFS oder Austro Control laut Aussage Eggers zwar Experten im Handeln von Boeing und Airbus sind, aber mit der GA so ihre Probleme haben. Das kann man vom Team in Mannheim nicht behaupten, haben doch viele der Mitarbeiter einschließlich der Lotsen ihre Wurzeln in der Allgemeinen Luftfahrt.

Gegen 18.30 Uhr haben wir unser Geraffel wieder im Flieger verstaut und die Spanngurte von der Eisenkette gelöst, als plötzlich ein Alarm ertönt und die Flughafenfeuerwehr ausrückt. Da das Blaulicht aus bleibt, vermute ich zunächst einen Böschungsbrand oder so und Funke den Tower an, wie es bezüglich Rollfreigabe aussieht. „Sieht schlecht aus, ein UL hat die Bahn überschossen.“ Zur Dauer der Blockade gibt es nur eine vage Info. Mindestens eine Stunde. In der Folge bekommen wir so ziemlich alles an Feuerwehrtechnik vorgeführt, was Mannheim und Umgebung zu bieten haben, denn erfahrungsgemäß gibt es bei solchen Fällen nur das Einsatzstichwort „Flugzeugabsturz“, egal, ob ein UL im Zaun gebremst hat oder ’ne 737 brennt.

Am Ende werden es zwei Stunden, in denen wir mit der Crew einer Do 228 und der einer Jodel quatschen und am Ende auf der Terrasse des Badisch-Pfälzische-Flugsportvereins landen, wo man uns die Reste vom letzten Grillabend serviert. 20.30 Uhr hatte ich uns als letzten Off-Block-Slot verordnet, um noch rechzeitig vor Sunset zur Hahnweide zu kommen. Und tatsächlich sortiert uns die freundliche Tower-Crew noch vor der Do ein, sodass wir als erste die Startfreigabe bekommen.

Nach 49 Minuten Flugzeit sind wir zurück, empfangen vom Flugleiter, den wir bereits telefonisch über unser unverschuldetes Delay informiert hatten. Der Empfang ist herzlich, auch, weil Peter, ein Kunstflugkamerad aus Walldorf, hier mit seiner Familie auf uns wartet, die auf dem Weg nach Österreich eine Nacht am Platz verbringen. Mit einem entspannten Gespräch unter Freunden geht der Abend zu Ende.

Was sonst noch geschah

Alles weitere, was ich in diesem Jahr fliegerisch so erlebt habe, hier noch im Zeitraffer.

Erster nennenswerter Akt war das kleine Kunstfliegertreffen in Ansbach-Petersdorf am Osterwochenende. Hinfahren, fliegen, im Auto pennen, fliegen und wieder nach Hause, um pünktlich zum FI-Dienst an Sonntag und Montag wieder zurück zu sein und meiner Pflicht nachkommen zu können. So der Plan, und alles, abgesehen vom Fliegen, hat auch geklappt. Denn das nasse Wetter hatte die Piste derart aufgeweicht, dass WT-9 samt Fox einfach nicht aus dem Platz kommen wollten. Gemeinsam mit Ines saß ich im Reißwolf, und als die Halbbahnmarkierung vorbei schlich, und meine Co-Pilotin meinte, ich sollte endlich mal ziehen, blieb mir nix anderes übrig, als zu melden, dass mehr nicht zu ziehen geht, weil ich sonst den Knüppel abbreche. Ende vom Lied: ausgeklinkt, Startabbruch, Unterschrift ins Flugbuch. Weil zählt ja auch. Die Nacht im Passi war im Gegensatz zum Flugerlebnis phänomenal gut, weil meine Teilzeit-Copilotin Anika mehrere Heizdecken derart platziert hatte, dass von den zwei Grad draußen im Inneren des Wolfsburgers absolut nichts zu spüren war.

Akt zwei: Ein Flug nach Erbach mit dem TMG. Gemeinsam mit meinem Kameraden Frank ne halbe Stunde hin gerattelt, ne Bockwurst gefuttert und wieder zurück geflogen. Damit dürfte die Mutation zum Avgas-Trottel weitgehend abgeschlossen sein. Akt 3: das Trainingslager in Walldürn. Das lief eher mäßig erfolgreich, weil ich vorher die SZD nicht einmal bewegt hatte und der erste Start im Odenwald quasi mein Werkstattflug war. Schöne Zusammenkunft mit den üblichen Verdächtigen, erster Fox-Flug mit Anika (jenseits von Kunstflug-Paralympics mit der 21…) und einfach einer Menge Spaß – ein guter Einstieg in die Kunstflug-Saison. Wermutstropfen: Als ich am letzten Tag zwecks Bezahlung eine Tour zum Geldautomaten einlegen musste, nutzte Martin die Gelegenheit, kackdreist mit dem Lepo über meinen Flügel zu fahren. Ende vom Lied: ein sehr geknickter Kamerad, ein überraschter Blick meinerseits und die Erkenntnis, dass das einzige, was kaputt ging, der Asphalt unterm Randbogen war. Polnische Ingenieurskunst, einfach unzerstörbar…

Next Stop: Hünsborn. Ein Besuch bei Tobi, auch Kunstflieger, und ein Portrait über seinen Club, der dank PV-Anlage, Elektrowinde und E-Lepo den Flugbetrieb weitgehend CO2-neutral auf die Kette kriegt. Dazu zwei Starts aufm Mini-Nimbus für meine Serie über die alte Rennklasse – und Anikas Premiere als Air-to-Air-Fotografin. Halt – vergessen – zwischenzeitlich gabs noch ein Abendessen beim weltbesten Fliegerarzt der Welt. Weiter gings nach einem Zwischenstop in Oerlinghausen zum Salzmann-Cup nach Uelzen – in einem ID BUZZ, den wir uns mittels Ququq-Busbox zum Camper aufgerüstet hatten. Der Salzmann lief so lala, am Ende war es Platz 11 von 24 Teilnehmern. Ärgerlich aus meiner Sicht, dass man am Ende nur noch die besten zehn der Advanced einen vierten Durchgang fliegen ließ. Die Unlimited bekam vier volle Durchgänge – eine Entscheidung, die ich angesichts der Tatsache, dass der Salzmann ein Nachwuchswettbewerb sein soll, schlicht für falsch halte. Man hätte eher die Unlimited um einen Durchgang kürzen und die Advanced vier volle Runde fliegen lassen sollen.

Knapp eine Woche später bekomme ich in Bensheim die Chance, für die Rennklasse-Serie Uwe Wahligs LS3 zu fliegen. Das Weltmeisterflugzeug! Coole Aktion und vielen Dank an Uwe für das Vertrauen! Und damit wars das auch mit dem ersten Halbjahr 2023…

Loslassen lernen

„Höhenruder drücken!!“, kommandiere ich vom Rücksitz der ASK 13, und Sekundenbruchteile später rauscht der Segler im Sturzflug auf die Erde zu. „Nicht so stark!“, fordere ich mit Nachdruck, woraufhin mein „Flugschüler“ sich regelrecht am Knüppel festzuhalten scheint und die ASK 13 einer Rakete gleich in Richtung Stratosphäre schießen lässt. Ich muss hart gegen den Reflex ankämpfen, das Flugzeug mit gezielten Steuereingaben selbst wieder in eine einigermaßen erträgliche Fluglage zu bringen, und rette mich schließlich mit dem alles entscheidenden Satz: „Normalfluglage herstellen, Flächen gerade, Horizontbild!“ Siehe da, wenn die richtigen Kommandos kommen, kann selbst ein vermeintlicher Novize eine ASK 13 jenseits von Luftkampfmanövern ruhig in der Luft halten.

Es ist der vierte Flugtag im Fluglehrerlehrgang beim Haus der Luftsportjugend am Flugplatz Laucha. „Roboterflug“ haben die Verantwortlichen die gerade beschriebene Übung getauft, und meine fünf Mitanwärter und ich sind der Meinung, dass die Roboter auf dem vorderen Sitz allesamt einer Neuprogrammierung bedürfen. Dabei lag der Fehler eigentlich keineswegs bei ihnen. Vielmehr fehlte uns bis dato das Verständnis dafür, dass ein Fluganfänger eben genau das tut, was ihm der Fluglehrer sagt. Natürlich meinte ich mit „Höhenruder drücken“ nicht das unmittelbare Einleiten des Sturzfluges, sondern das Einnehmen der Normalfluglage nach dem Windenstart. Das, was ich nach 1150 Starts und rund 550 Stunden intuitiv und ohne darüber nachzudenken tue – Nase unter den Horizont, Normalfahrt einstellen, dreimal nachklinken und austrimmen –, kennt der Flugschüler ja nicht. Also heißt es, klare und vor allem unmissverständliche Ansagen zu machen, aber dazu später mehr.

Mein Kurs ist der vierte und letzte FI(S)-Lehrgang 2021 beim HdL. Mit mir haben sich fünf andere Piloten angemeldet, um innerhalb von zweieinhalb Wochen das Rüstzeug für das Fluglehrerdasein zu erlernen. Wir sind, wie uns Ausbildungsleiter Martin Löhne zu verstehen gibt, eher kein durchschnittlicher Lehrgang. Außer Lukas, mit seinen zarten 24 Jahren der Jüngste in der Runde, sind alle Mitte 30. Die Flugerfahrung schwankt zwischen einigen hundert und mehreren tausend Stunden, auch sind ungewöhnlich viele aktive Kunstflieger dabei. Die Motivation indes ist bei allen größtenteils intrinsisch. Es ist die Lust, die eigene Leidenschaft fürs Fliegen an andere weiterzugeben. Sicher mag hier und da auch ein bisschen extrinsische Motivation eine Rolle spielen. Das Problem einer zu kleinen oder alternden Fluglehrerschaft kennen viele Vereine und versuchen entsprechend, Nachwuchs für die Ausbildung zu gewinnen. Aber dominant sind die äußeren Umstände in unserer Runde nicht. Das ist laut Martin die beste Voraussetzung für den Lernerfolg und genauso wichtig wie die Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik.

So bunt wie die Schülerschaft ist auch das Lehrerteam. Martin, 30, ist am HdL groß geworden und seit zwei Jahren Flugbetriebs- und Ausbildungsleiter. Ihn kenne ich, seit ich im September 2016 nach einer Hochzeit, während der ich den ganzen Tag Segler beobachtete, in Laucha aufschlug und mit ihm eine Runde drehte. Andre ist 25, in Laucha fest angestellt und hat neben dem FI(S) auch die Lehrberechtigung für Motorflug. Sören, der uns die erste Woche begleitet, fliegt bei der Lufthansa als SFO auf dem Airbus A340, und Thomas ist Fluglotse im Ruhestand. Beide haben reichlich fliegerische Erfahrung und unterstützen das HdL ehrenamtlich in der FI-Ausbildung.

Back to the Roots

Bereits in den ersten Theorieeinheiten, die sich an die Vorstellungsrunde und die Sichtung der Dokumente sowie einen kurzen Eingangstest mit Fragen aus der SPL-Prüfung anschließen, wird klar, dass wir alle komplett umdenken müssen. Jeder von uns kann hunderte Kilometer Strecke machen, sich aus Ameisenkniehöhe weit weg vom Flugplatz wieder ausbuddeln, und manch einer zaubert zudem ganz passable Programme in die Kunstflugbox. Doch auf die Frage „Was ist eine Platzrunde?“ geht das große Gestammel los. Andre schreibt an die Tafel, was zusammenkommt: Standardverfahren, Flugplatzverkehr, Reihenfolge, Querab-, Gegen- und Queranflug, Endanflug. Auf das Banalste kommen wir nicht. „Wie wäre es denn mit einem über Grund geflogenen Rechteck?“, sagt der FII und stößt uns noch einmal darauf, dass wir anfangen müssen, wirklich einfach zu denken. Tatsächlich, so die Ausbilder, müssen viele FI-Anwärter erstmal wieder lernen, eine saubere Platzrunde zu fliegen. Die seit dem Lizenzerhalt eingeübte Masche, sich irgendwie zur Position zu mogeln, ist passé, denn wir werden künftig, und das machen uns alle vier FIIs nachdrücklich klar, als Vorbilder gesehen. Und zwar immer und in jeder Situation, auch wenn wir für uns fliegen.

Kaum ist das Platzrundenthema geklärt, präsentiert uns Martin das Mantra der nächsten zwei Wochen: den synchron gesprochenen Lehrtext. Ein A5-Blatt, doppelseitig bedruckt und laminiert, wird zur Heiligen Schrift. In 59 Stichpunkten finden sich alle Phrasen, um einen Flugschüler komplett durch die Platzrunde zu sprechen. Für den Windenstart liest sich das so:
• Seilstraffen beobachten, Höhenruder leicht gedrückt
• Anrollen, Ausbrechen durch Seitenruderausschlag verhindern, Flächen waagerecht halten
• Abheben, Höhenruder leicht gedrückt, Querneigungskontrolle
• Flugzeug in sich steigen lassen
• Zügiger, aber nicht ruckartiger Übergang in die Steigfluglage ab
50 Meter
• Kontrolle der Steigfluglage durch seitliches Hinaussehen
• Während des gesamten Steigfluges Fahrtkontrolle
• Seitenwind durch Vorhalten ausgleichen
• Korrekturen von Längs- und Querneigung sowie Richtung wie beim Normalflug
• Vermeiden von pumpen durch zu stark gezogenen Steuerknüppel
• Im Ausklinkraum allmählicher Übergang in die Normalfluglage
• Nach Auslösen der Kupplungsautomatik dreimal nachklinken

Natürlich hat jeder Fluglehrer ein Stück weit seinen eigenen Erklärstil, sagt Martin. Aber es gibt gewisse Phrasen, die seien nicht verhandelbar, die wollten die Prüfer am Ende hören. „Flugzeug in sich steigen lassen“ ist so eine, eine andere lautet „mit der Fahrt an den Boden“ und soll dem Flugschüler klarmachen, dass er sich nicht mit Mindestfahrt in den Platz reinhungern darf. Dass man als steuerführender Pilot tatsächlich eine Platzrunde komplett sauber fliegen und durchsprechen kann, ohne dabei einen Knoten im Kopf oder in der Zunge zu bekommen, beweisen uns die FIIs beim einzigen Flug im Lehrgang, in dem wir in der ASK 13 wie ein Schüler vornesitzen.

Zuvor allerdings gibt es als ersten Flug des Lehrgangs einen F-Schlepp mit Kastenflug, Trudeln, Steilkreisen und Slip und anschließend einen Windenstart, damit sich die FIIs ein Bild von unseren fliegerischen Fertigkeiten machen können. Flug Nummer drei ist ein klassischer Gewöhnungsflug, wie man ihn mit Frischlingen ganz am Anfang der Ausbildung macht. Didaktisch ist hier noch nicht viel los, vielmehr geht es darum, den Aspiranten an die dritte Dimension zu gewöhnen, den Spaß am Fliegen zu fördern, ihn mit kleinen Aufgaben wie dem Nachklinken einzubinden und ihn mit viel Schwärmerei für den Segelflugsport bei Laune zu halten.

Neben den unzähligen Eindrücken des ersten Flugtages fällt auf, dass in Laucha alles strikt nach Checkliste gemacht wird, die Vorflugkontrollen genauso wie der Start- und der Landecheck. Und man fragt sich, warum diese simpelste aller Methoden zur Vermeidung von Unfällen auf so wenigen Flugplätzen (vor)gelebt wird. Beim Debriefing tragen wir zusammen, was wir gelernt haben. Die zentrale Erkenntnis ist die, dass die Augen des Fluglehrers überall sein müssen. Und dass auch der Flugschüler kommunizieren lernen muss. Nur wenn ein erkennbarer Blick in Richtung Kurve auch mit dem Satz „Luftraum ist frei“ kombiniert wird, kann man halbwegs sicher sein, dass eine Luftraumbeobachtung erfolgt ist. Zudem wird uns klar, dass Begriffe, die sich über die Jahre eingeschliffen haben, wieder raus müssen aus dem Wortschatz. Ausflaren? Damit kann ein Flugschüler ebenso wenig anfangen wie mit Bankwinkel. Also geistig löschen.

Im Zeitraffer durch die Ausbildung

In den nächsten Tagen fliegen wir uns sukzessive durch das Ausbildungsprogramm. Von den drei bis vier Flügen hat immer einer den kompletten Lehrtext zum Inhalt, damit sich die Phrasen einprägen. In den anderen geht es ums Horizontbild und den Abgleich mit Fahrtmesser und Fahrtgeräusch, um die Wirkung von Quer- und Seitenruder, um koordinierten Kurven- und Geradeausflug. Ein Vormittag geht allein für Seilrissübungen drauf, bei denen wir uns von oben nach nach unten vorarbeiten. Bei knapp über 100 Metern ist problemlos eine verkürzte Platzrunde drin, bei 80 Metern heißt es, die 13 vor der Winde wieder auf der Schleppstrecke zu landen und zwischen drei und zehn Metern besteht die Herausforderung darin, das Flugzeug nicht in den Boden zu rammen und trotzdem genügend Fahrt aufzuholen, um bei der Landung nicht durchzusacken.

Der Übungs- und Kenntnisstand unserer fiktiven Flugschüler steigt mit jedem Flugtag an – was es für uns immer schwieriger macht, Fehler zu erkennen. Eingreifen will jederzeit begründet sein, Sätze wie „Ich fliege!“ sind tabu. In Ordnung hingegen sind „Ich helfe dir“ oder „Wir fliegen zusammen“. Immer mehr lernen wir, wirklich loszulassen, damit die Schüler ihre eigenen Erfahrungen machen können. Und ja, das fällt am Anfang richtig schwer. Für die Schüleransprache gibt es drei Eskalationsstufen, wie wir im Pädagogikunterricht erfahren. Stufe 1: dezente Fehleransprache, beispielsweise mit Phrasen wie „Fällt dir was auf?“. So bekommt der Schüler die Chance, selbst zu erkennen, was er verkehrt macht. Auch der Hinweis „Achte mal auf den Faden!“ animiert zur eigenen Reflexion der Fluglage und der Steuerbewegungen. Kommt er nicht drauf, kann man konkreter werden: „Du schiebst!“ oder „Die rechte Fläche hängt!“ bringen den Schüler direkt drauf, gegebenenfalls – vor allem am Anfang der Ausbildung – mit Hinweis zur Korrektur.

Das eigene Eingreifen sollte immer das letzte Mittel sein, es sei denn, es ist Gefahr im Verzug. Insbesondere in Bodennähe, also ab der Positionsmeldung, gilt für den FI höchste Aufmerksamkeit, denn hier wird die Toleranz für Fehler zunehmend kleiner. So erlebe ich es, wie mir einer der Ausbilder in der letzten Kurve beständig die Fahrt wegzieht, was ich direkt korrigiere und erst anschließend erkläre. Für eine unmittelbare Begründung im selben Augenblick reicht meine Kapazität im Kopf zu diesem Zeitpunkt der FI-Ausbildung einfach noch nicht aus. Aber das wird im Laufe der Zeit immer besser. Grundsätzlich heißt es: nachfragen. Was macht der Schüler, was hat er vor? Dann ist man als Backseater etwas besser auf etwaige Fehler vorbereitet und kann sich im Kopf die eigene Reaktion zurechtlegen.

Individuelle Baustellen

Jeder von uns FI-Aspiranten hat andere Baustellen. Während ich lernen muss, meinen Redefluss zu dämpfen, damit der vor mir Sitzende nicht noch zusätzlich durch die akustische Lawine überfordert wird, darf sich Peter daran gewöhnen, weit mehr zu sagen, als er das sonst im Flug tut. Roman hingegen erkennt, dass er ganz klar sagen muss, was er vom Flugschüler erwartet, denn der nutzt Interpretationsspielraum möglicherweise viel zu sehr aus, wie er beim Roboterflug leidvoll erfahren musste.

An den wenigen Tagen, die der ansonsten sonnige und warme Spätherbst weniger gemütlich gestaltet, wird Theorie gepaukt. Die meisten Fächer schneiden wir nur an: Aerodynamik, Meteorologie, Navigation und Technik werden knapp abgehandelt, weil sich das jeder mit dem Kassera oder anderer Fachliteratur selbst erarbeiten kann. Mehr Aufmerksamkeit widmen die Ausbilder dem menschlichen Leistungsvermögen und dem Luftrecht, und das aus gutem Grund. Ersteres müssen Fluglehrer aus dem Effeff kennen, damit sie ihren Schüler mental und körperlich nicht überfordern. Letzteres sollten sie verinnerlicht haben, um nicht Gefahr zu laufen, bei Fehlern oder Versäumnissen in Haftung genommen zu werden. Bei Unfällen, die leider auch in der Schulung vorkommen, fragen Gerichte und Versicherung als Erstes, ob alle Voraussetzungen erfüllt waren, sei es die letzte Kompetenzüberprüfung des Lehrers, die ordnungsgemäße Bestätigung der Vorflugkontrolle samt Unterschrift im Bordbuch oder der akribisch geführte Ausbildungsnachweis des Flugschülers. Wer schult, muss genau sein, so das Mantra.

Lehrprobe: Spaß im Klassenzimmer

Nicht wenige Abende gehen für die Ausarbeitung der Lehrproben drauf. Jeder von uns muss 45 Minuten über ein selbst gewähltes Thema referieren, das er für einen bestimmten Adressatenkreis vom Flugschüler bis zum Lizenzpiloten passend aufbereitet. Ziel dabei ist es, sich möglichst vieler Lehrmethoden zu bedienen. Powerpoint ist heute obligatorisch, Videos werden gezeigt, aber auch Modelle von Tragflügeln, Gruppenarbeit mit Karte, Zirkel und Dreieck oder ein Pendel zur Demonstration von Fliehkräften kommen zum Einsatz. Die Bandbreite der Themen reicht in unserem Kurs vom Gradnetz und den Sternen als Grundlage der Navigation über Gefahren von Höhen- und Wellenflügen, Wetter-Risiken und dem Klassiker Außenlandung bis hin zum V-N-Diagramm erklärt für Nicht-Kunstflieger. Feedback geben zunächst die Anwärter, danach ergänzen die Ausbilder.

Apropos Feedback: Auch die richtige Rückmeldung an den Flugschüler ist ein essenzieller Teil der Pädagogikausbildung. Wie bringe ich einem 14-Jährigen bei, wo seine Defizite liegen, ohne ihm die Motivation zu nehmen? Wie debriefe ich einen älteren, voll im Leben stehenden Flugschüler, der vielleicht ein Problem damit hat, sich von einem Jüngeren etwas erklären zu lassen? Fingerspitzengefühl ist in beiden Fällen gefragt, wobei der Umgang mit Kindern und Jugendlichen ganz besondere Aufmerksamkeit verlangt, weil hier zur Ausbildung auch noch die Erziehungsarbeit hinzukommt. Dass wir die ein Stück weit mit übernehmen dürfen, ist, das macht uns Martin ganz besonders deutlich, ein großer Vertrauensbeweis seitens der Eltern. Dabei gelte es, das richtige Maß zu finden zwischen Strenge, wie sie die Ernsthaftigkeit des Flugbetriebes bedingt, und Nachsicht, damit sich die Jugend auch mal ausprobieren kann. Dafür ist der Flugplatz – das können Generationen von Flugplatzkindern berichten – nicht das schlechteste Umfeld.

Faire Prüfung zum Abschluss

Nach zwei Wochen auf dem Flugplatz Laucha behaupten unsere FIIs, uns nichts mehr beibringen zu können. „Die Prüfung besteht ihr sicher, aber betrachtet die Lehrberechtigung dann vor allem als Erlaubnis, selber weiterzulernen und euch ständig fortzubilden“, sagt Martin.

Eine Dreiviertelstunde Lehrprobe, eine Theorieprüfung und drei Prüfungsflüge trennen uns noch vom ersehnten Eintrag in die Lizenz. Ersteres ist eher Formsache, meine Mitstreiter und ich haben bis zum Schluss an den Vorträgen gefeilt und Theorie gepaukt. Entsprechend gut fällt auch das Feedback der Prüfer aus. Dann geht es zur Halle, Flugzeuge checken, den Flugbetrieb vorbereiten. Im F-Schlepp geht es in die Luft, Kastenflug, Trudeln, Rollübungen – das komplette Programm mit synchron gesprochenem Lehrtext. Flug zwei: Start an der Winde, eine saubere Platzrunde, ebenfalls mit synchron gesprochenem Lehrtext. Zum Finale mimt der Prüfer einen Schüler, wir müssen Fehler erkennen, ansprechen und gegebenenfalls mit Erklärung eingreifen.

Der Start läuft gut, auch wenn mein „Flugschüler“ seine Steigfluglage für meine Begriffe noch etwas intensiver kontrollieren könnte. Er dreht den Kopf nach links, meldet „Luftraum frei“ und kurvt ein. So weit, so gut. Beim Geradeausflug lässt er die Fläche etwas hängen; ich weise ihn auf den Faden hin, er korrigiert. Plötzlich geht seine linke Hand zum Haubennotabwurf. „Dort hältst du dich bitte nicht fest!“, kommentiere ich die Aktion. Als Nächstes steht ein Vollkreis rechts herum an, doch als sich der Knüppel bewegt, ohne dass ich zuvor eine Bestätigung der Luftraumkontrolle gehört habe, halte ich ihn fest. „Ah, Luftraum frei“, kommt von vorn. Darauf habe ich gewartet, denn die Luftraumkontrolle steht über allem und wird auch in der Prüfung gerne als Fehler eingebaut. Landecheck, Positionsmeldung. Als sich die Fahrtmessernadel rückwärts Richtung gelbes Dreieck bewegt, weise ich meinen „Schüler“ noch drauf hin, dass er doch bitte auf die Fahrt achten und nicht unter 90 km/h anfliegen soll, aufgrund des Winds sogar lieber etwas schneller. Sein Abfangbogen gerät etwas zu hoch. Als sich die Nase immer weiter hebt, halte ich sanft dagegen. Wir setzen auf, rollen aus und nach kurzem Gerumpel über die Wiese steht die ASK 13. Ich bin angespannt, aber nicht unzufrieden. Dem Glückwunsch des Prüfers folgt die Erleichterung. Bestanden. So wie alle Teilnehmer dieses Lehrgangs.#

Fazit: Rückkehr nicht ausgeschlossen

Gute zwei Wochen am Flugplatz Laucha, bei bestem Wetter und in wahrlich angenehmer Gesellschaft – der FI-Lehrgang gehört mit Abstand zu den besten Erlebnissen meiner bisherigen Fliegerlaufbahn. Die Akribie, mit der Martin und sein Team uns von schnöden, ichbezogenen Segelfliegern zu (hoffentlich) umsichtigen Fluglehrern gemacht haben, verdient höchsten Respekt. Ich habe hier einmal mehr nette, humorvolle und charakterstarke Fliegerkameraden kennen gelernt, die ich sicher wiedersehen werde. Denn mit Laucha verhält es sich ein bisschen wie mit TOP GUN: die besten kehren immer wieder zurück.

Danke an alle Teilnehmer für den gemeinsamen Spaß und die Bilder!

Übrigens: Laucha lohnt ganz generell einen Besuch, wie ich HIER schon einmal geschrieben habe. Nicht nur, um Martin und sein tolles Team zu besuchen, sondern auch, um auf aviatische Spurensuche zu gehen.