Zwischenziel erreicht

Dabei. Die Mail erreicht mich am 13. Januar. Absender: Franziska Kaiser. Teamchefin der Nationalmannschaft. Und der Inhalt ist tatsächlich der, auf den ich gehofft hatte. Ich bin dabei. Segelkunstflug-Nationalmannschaft in der Advanced-Klasse. Heißt: Teilnahme an der WM im September im südfranzösischen Fayence. Zugegeben: Ich freue mich. Weil das, was im September 2017 in Reinsdorf mit meinem ersten Schulungsflug auf dem Perkoz begann, damit einen zwischenzeitlichen Höhepunkt findet. Irgendwann ist mir klar geworden, dass ich einmal die Jacke tragen will, die, die auf der Brust das Logo mit den drei Möven trägt, die mittlere im Rückenflug, und irgendwo auch die Nationalfarben in Schwarz-Rot-Gold.

Ich war eigentlich nie der Typ für sportliche Höchstleistungen. Zu Schulzeiten im Sprint zwar schnell, aber keine Lust auf Ausdauer. Beim Badminton in meiner Freizeit so lala, aber auch nie wirklich gut. Immerhin mit Spaß bei der Sache, bis ich irgendwann aus Wut über ein verkacktes Match meinen Schläger gegen die Wand warf. Gepackt hat mich der Ehrgeiz erst beim Klettern. Wahrscheinlich auch, weil es da nie gegen andere ging, sondern immer nur gegen mich selbst und die Wand. Da war kein anderer, der besser war. Es war nur mein eigenes Unvermögen, das mich aus der Vertikalen fallen ließ. Mein Stil: irgendwas zwischen Kraft und Angst. Technik, naja…

Im Kunstflug ist es ja eigentlich auch nicht anders. In der Box ist nur einer – ich selbst. Alle haben im Wesentlichen die gleichen Bedingungen. Die Figuren sind dieselben. Das Wetter meist auch, ok, der Wind mag sich über einen Wettbewerbstag auch mal ändern. Aber im Grunde fliegt man allein gegen sich selbst. Gegen Unsicherheit, Unkonzentriertheit, fehlenden Fokus, nicht ausreichend trainiertes Muskelgedächtnis. Gegen Fehler, oder vielmehr dagegen, gemachte Fehler nicht sofort zu vergessen und sich auf den Rest des Programms zu konzentrieren, anstatt sich über die eine verkackte Figur zu ärgern. Es ist, und das hat mein Mentor Robin mir immer wieder klarzumachen versucht, in erster Linie Psychologie. Wer ein paar Wettbewerbe geflogen und überlebt hat, an dessen Fähigkeit zur Bewegung eines Flugzeugeugs im dreidimensionalen Raum gibt es wenig Zweifel. Entscheidend ist dann, wer die Nerven behält, das Adrenalin in den Griff bekommt und im richtigen Moment die richtige Steuereingabe an Knüppel und Pedalen macht. Dann fliegt sich das Programm von ganz allein.

Bis hierhin, bis zu dieser Mail, geschah einiges. Sieg beim Salzmanncup in der Sportsman 2019. Im gleichen Jahr die Schweizer Meisterschaft in Thun. Dritter Platz in der Sportsman beim Bayern-DoSi 2020 in Agathazell. 2022 Sieg in der Advanced-Klasse bei den Österreichischen Staatsmeisterschaften und Schließlich Vizemeister Advanced bei der LM auf der Friesener Warte 2025. Das mal das positive. Dem gegenüber stehen ein Total-Ausraster bei der DM in Oschatz 2022, die schon mit kaputtem eigenen Flieger noch vor Wettbewerbsbeginn unter keinem guten Stern stand. Eine im Training nahezu perfekt geflogene, im Wettbewerb aber komplett falsch herum in die Box genagelte Kür bei den Schweizer Meisterschaften 2023 in Amlikon und diverse andere Ereignisse, die mich immer wieder darüber nachdenken ließen, ob ich nicht doch einigermaßen talentfrei bin.

Und jetzt? Es sind ein paar Jahre ins Land gegangen. Training mit guten Trainern und Mentoren. Ernste Worte von Piloten, die lange dabei sind und den wütenden kleinen Jungen in mir mal in die Schranken gewiesen haben, wenn der völlig unangemessen auf sowas Banales wie nen vergeigten Flug reagierte.

Ich freue mich drauf, die Jacke zu tragen und für mein Land zu fliegen. Sehr sogar. Und ich bin ziemlich motiviert, in diesem Jahr mehr zu trainieren als bisher. Vier Flüge pro Woche, das klingt für mich nach einem erstrebenswerten Ziel. Um drin zu bleiben, eins zu werden mit der 8E. Und die 1:40 am 1. Januar 2026 sind mal kein schlechter Anfang angesichts der Tatsache, dass das Flugzeug 2025 keine zehn Stunden in der Luft war… Apropos 8E: die bekommt noch vor der Saison ein kleines Upgrade. Neue Bremse, nen G-Logger und – das muss angesichts der jüngst eingetretenen Lage natürlich sein – eine Flagge auf den Haubenrahmen. Schwarz Rot Gold. Und vielleicht sogar zwei Stadtwappen. Das von Stuttgart und das meiner Heimatstadt Gera.