Jungfernflug

Abgesehen vom Grummeln des Grob 2500 E1 vor uns und dem säuseln des Windes, der sich durch die nicht mehr taufrischen Türdichtungen bemerkbar macht, ist es totenstill. Oder könnte es zumindest sein, wenn ich nicht alle paar Minuten fragen würde: „Alles gut?“ Es sind rhetorische Fragen, das dürft mir spätestens nach der ersten Antwort meines Mitfliegers klar sein, die nur kurz und eindrücklich „Ja!“ lautete – vorgebracht mit debilem Lächeln im Gesicht. Aber dieses Mal will ich alles richtig machen, mein Passagier soll erleben, wie schön es in der Luft ist, soll die Welt von oben entdecken, soll verstehen, warum ich vom Fliegen immer so schwärme. Dass er in der ganzen Zeit nicht einmal etwas fragt, beunruhigt mich nicht. Vielmehr bestätigt es meine Einschätzung, dass er genießt, was er erlebt, und das ganz unbewusst, denn er kann mit dem Wort Genuss vermutlich noch nicht mal etwas anfangen mit seinen sechs Jahren. Er denkt nicht drüber nach, er erlebt einfach, total von dem gefangen, was er sieht. Wir starten auf der Piste 12 in Richtung Osten, drehen über dem Tiefenbachtal ein paar Kreise um Höhe zu machen und fliegen dann ein Stück in Richtung Flughafen. Eine weite Linkskurve bringt uns an die Albkante, ich deute auf die Burg Neuffen und die Burg Teck, der Kerl neben mir nickt eifrig. Mein Blick geht zur Uhr, und eigentlich ist mir schon auf halber Strecke klar, dass ich die vereinbarte Flugzeit reißen werde und mindestens einer dann angepisst ist. Seis drum, meinen Mitflieger trifft das nicht. Der soll sein Erlebnis haben. Und ich bins gewöhnt, Ärger weitgehend an mir abperlen zu lassen. Ein paar Minuten fliegen wir noch gen Osten, bevor ich die Grob noch einmal in eine weite Kurve lege, das Gas rausziehe und langsam Höhe abbaue. Nach 19 Minuten berühren die Räder der Grob wieder die Piste, wir rollen ab un parken vor der Backsteinhalle. Meine Schwester muss grinsen, als sie den entrückten Blick sieht, den ihr Großer draufhat. Sein Vater hingegen erklärt mir, dass er Angst um sein Kind hatte, weil wir nicht nach zehn Minuten wieder da waren. Ok, ich bin Schuld.

Inzwischen ist meine Schwester auf den rechten Sitz geklettert. Sie hat das Headset aufm Kopf, ihr Kleiner sitzt auf ihrem Schoß und trägt Kapselgehörschutz von Peltor. „Einmal rolle!“ hat er bestellt. Also nochmal den Quirl angeworfen, für eine „Rollübung“ beim Türmer angemeldet und dann mit Schmackes den Taxiway hoch bis kurz vor die Piste 24, Scannerblick an den Himmel, aufrollen, U-Turn und wieder zurück. Das Grinsen im Gesicht des Kleinen: unbezahlbar.

Wer weiß, vielleicht hats ja was gebracht und die Jungs fragen von allein mal wieder, ob sie bei Onkel Lars mitfliegen können. Ich würde mich freuen.

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